Der König ist glücklich
Die Welt nach Erath ist eine Scheibe, und ungefähr neun Zehntel davon gehören dem Orchester. Die Szene – immerhin ist die Geschichte des Untergangs von Troja und danach die von Liebe und Verrat in Karthago zu erzählen – findet fast ausschließlich auf dem schmalen Randstreifen statt. Daneben ist auf der einen Seite gerade noch Platz für jene sechs Harfen, die Berlioz beschäftigt, wenn es in Troja oder Karthago aufs Ende geht.
Auf der anderen Seite ist noch etwas Raum für Nebenaktionen und Einlagen, von denen es einige gibt; hier sammelt sich die anfangs noch glamourös posierende, schließlich ganz zerzauste Göttergesellschaft. Bei Berlioz funkt der Olymp zwar schon deutlich sparsamer ins Trojaner-Geschehen hinein als bei Vergil (nur Merkur greift einmal lenkend ein, schickt Énée nach «Italie!»), in Köln aber macht die Regie Jupiter und seine Leute dauerhaft sichtbar: ein morsches Regime, das nicht mehr taugt zur Referenz, das nicht mehr erklären hilft, warum die Welt so schlimm ist, wie sie ist, und die Menschen sich antun, was sie sich antun; wie sie auf Cassandres Warnungen so wenig achten wie auf die Möglichkeit von Liebe. Es war das grundmenschliche Schicksal der verlassenen Dido auf dem Scheiterhaufen, welches den Knaben Berlioz einst so erschüttert hatte, dass er daraus vierzig Jahre später seine maßloseste Grand opéra kreieren musste. Zu groß für den Betrieb seiner Zeit, für den Komponisten zu Lebzeiten unhörbar und nach verschiedenen Teilungsversuchen tatsächlich erst 1969 an einem Abend und auf Französisch zu erleben, ausgerechnet in London, wohl wegen des Berlioz-Propheten Colin Davis.
François-Xavier Roth ist ebenfalls ein Berliozianer, der seine fruchtbare Zeit in Köln 2015 mit «Benvenuto Cellini» begonnen hatte, «Béatrice et Bénedict» folgen ließ. Diese «Troyens» mussten einfach kommen, auch wenn es ein Kraftakt ist und die vorzüglichste musikalische Ausführung das bundesdeutsche Publikum wohl einmal mehr nicht sehr erreicht. Schade. Vielleicht hat es zu viel Wagner im Ohr, um die eigentümlichen Raffinessen dieser klanggewordenen Fieberfantasien zu entdecken.
Oder es klappt doch endlich, und womöglich im Kölner StaatenHaus, wo Roth sein exzellent eingestelltes Gürzenich-Orchester, Chor und Extra-Chor wie ein glücklicher König auf seiner Inselscheibe durch fünf Stunden extremer Anforderungen treibt. Das Orchester, nur ein wenig nachlassend im Laufe des Abends, ist der Kraftpol, eben nicht mehr hinter der Szene wie unglücklicherweise einst im Kölner «Cellini» in der Ferne postiert, sondern jetzt die Mitte des Ganzen füllend; und die Raumverteilung funktioniert. Roth durchmisst Berlioz’ extreme Kontrastdramaturgie, reizt die harten Schnitte aus, begeistert sich und uns für Instrumentationsfinessen und dynamische Zuspitzungen, subito pianissimo wie subito fortissimo. Vom größten denkbaren Lärm der Staats- und Kriegsaktionen bis zur Beinahe-Unhörbarkeit, wenn Schmerz, Verzweiflung jede Musik auszulöschen scheinen. Wie die der Seherin Cassandre, deren Warnungen vor der List der Belagerungsarmee der Griechen, nur zum Schein abgezogen zu sein, vor dem Trick mit dem hölzernen Pferd, vor dem drohenden Untergang Trojas, nicht gehört werden, dem Fluch aller Kassandren seitdem. «Oh Volk, das ich nicht warnen kann», klagt sie dem tauben König Priam. Nicht einmal ihren Geliebten Chorèbe kann sie überzeugen, Insik Choi singt ihn schön balanciert und bleibt doch ungerührt. Cassandre dringt nicht durch, wie im zweiten Teil die liebende Königin Didon mit ihren Beschwörungen nicht durchdringt, den Énée zu halten. So dichtete, komponierte Berlioz, frei nach Vergil, zwei Großgemälde des Scheiterns, zwei Untergänge in fünf Akten.
«Les Troyens» ist eine Grand opéra, in die der Krieg hineintönt, so wie er zu uns herüberklingt gerade, der Krieg mit seiner Brutalität, seinen Lügen, seiner Verachtung für alles, was lebt und liebt. Krieg ist der grelle Hintergrund von «Les Troyens», aber er wird nicht gezeigt, alles Mauerschau ja schon bei Berlioz. Doch was Cassandre, warnend vor voreiliger Friedensfreude, ihren Leuten (und uns) zu sagen hat, das ist, von Isabelle Druet mit direkter Intensität ausgeleuchtet, so schlagend aktuell, dass man es gar nicht zeigen muss. Mit einiger Virtuosität lässt Erath seinen drehbaren Laufsteg bespielen, und weil auch diese große Oper wie Wagners «Ring» wesentlich ein Kammerspiel ist, weil er sich vor allem für die monumentale Verzweiflung der Cassandre und die monumentale Verlassenheit Didons interessiert, funktioniert diese Reduktion nicht übel. Es ist Rampe, aber einfallsreich, gelegentlich überreich. Die Szene pflegt Obsessionen: eine Badewanne, Schleier, strenge Schwarzweiß-Farbdramaturgie (Bühne und Kostüme: Heike Scheele), man kann sich zu alledem etwas denken, muss es aber nicht.
Veronica Simeoni schafft es, der Didon, die gleich schon arg beschickert auftreten muss, privat am Ende, politisch kontrolliert von ihrer Schwester Anna (mit eindrucksvoller Tiefe Adriana Bastidas-Gamboa) und dem Minister Narbal, einige Würde zurückzugeben. Von beiden großen Frauenrollen hat sie den sinnlicheren Mezzo; betörend in den Nuancen, bleibt sie, was den Tragödinnenton angeht, ein paar Größengrade schuldig. Vielleicht ist dieses leichtlebige Urlaubsparadies Karthago auch kein Ort dafür (nicht unähnlich der dekadenten Pool-Dösigkeit, die zuletzt in München zu sehen war, da kreierte Ekaterina Semenchuk sich beherzt ihre eigene Fallhöhe).
Deutlich weniger interessiert sich der Regisseur für die Zerrissenheit Enées zwischen seiner Liebe und dem Auftrag, ein Weltreich zu gründen. Enea Scala, ein strahlender Italo-Lover im (allzu) weißen Anzug, steht die tenorale Riesenaufgabe respektabel durch; seine besten Momente sind die lyrischen, als Forte-Held wird es für ihn eng. Lucas Singer als Panthée, der Priesterfreund des Énée (hier ein Kofferträger mit Hochwasserhosen), Dmitry Ivanchey als karthagischer Hofdichter Iopas, Young Woo Kim als melancholischer Matrose, Giulia Montanari als Énées junger Sohn Ascagne: Sie haben alle ihren eigenen Moment in diesem gewaltigen Doppelbild des Scheiterns, sind wichtig für die dramaturgische Balance und lassen in ihrer Qualität hoffen für die Intendanz des neuen Chefs Hein Mulders, überhaupt für eine neue Epoche der Oper Köln, ohne lähmende Querelen der Führungskräfte. Man möchte die bestandene Kraftprobe dieser «Troyens» als Zeichen eines kommenden Aufbruchs sehen. Auch des Umzugs? Die Oberbürgermeisterin, in einer kurzen Begrüßung, fing sich, als sie das Ende des Interims und die Eröffnung des renovierten Opernhauses am Offenbachplatz annoncierte, einige typisch kölsche Lacher ein.
Berlioz: Les Troyens KÖLN | OPER IM STAATENHAUS Premiere: 24. September 2022
Musikalische Leitung: François-Xavier Roth
Inszenierung: Johannes Erath
Bühne und Kostüme: Heike Scheele
Licht: Andreas Grüter
Chor: Rustam Samedov
Solisten: Isabelle Druet (Cassandre), Veronica Simeoni (Didon), Enea Scala (Énée), Insik Choi (Chorèbe), Lucas Singer (Panthée), Giulia Montanari (Ascagne), Adriana Bastidas-Gamboa (Anna), Nicolas Cavallier (Narbal), Dmitry Ivanchey (Iopas), Young Woo Kim (Hylas) u. a. www.oper.koeln.de
Opernwelt 11 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Holger Noltze
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