Der Held, hilflos
Ein Un-Ort. Ein ungemütlicher Platz. Auf der weiten Basler Arbeitsbühne etliche Wasserbeete und ein gewaltiger Kran, dessen untere «Etagen» etwas bemüht auch Desdemonas Gemach hergeben. Susanne Gschwenders «Otello»-Szene sagt viel – vor allem, dass niemand freiwillig hier ist.
Schon gar nicht die gefesselten und von Stacheldraht eingezäunten Massen, die am Sturmbeginn zum Sieges- und Rettungsjubel verdonnert sind – die gefangenen Türken, die Kriegsbeute des venezianischen Feldherrn Otello? Oder ist es ein vom Mittelmeer ausgespuckter, elender Flüchtlingstross? Einer wird später brutal am Kran aufgehängt. Ein durch und durch Unglücklicher ist auch der Titelheld. Seine planmäßige Auslöschung durch Jago behält der Regisseur Calixto Bieito, artist in residence am Haus, unablässig im Auge: eine Demontage par excellence durch einen im Grunde blässlich-langweiligen, dabei eiskalten Technokraten der psychischen Zerstörung. Ingo Krügler hat ihn wie alle anderen venezianischen Granden denn auch in formell-unauffälliges Grau-in-Grau gekleidet.
In diesem Klima kann keine Zuneigung gedeihen – denkbarer Titel: Von einstiger Liebe. Von nichts anderem handelt Desdemonas und Otellos großes Duett ja ...
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Opernwelt Januar 2015
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Heinz W. Koch
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