Der Gräfin Kern
Keine Spur von Realismus. St. Petersburg wird auf der Bühne nur symbolisch angedeutet. Und zwar in zweierlei Perspektive: grell und rau (mit schwarzen, röhrenartigen Säulen ohne Kapitelle) als vertikaler Dimension; dann durch Brücken, die über die ganze Bühne führen (über den grünen Boden, der sowohl die Neva als auch einen Spieltisch darstellt), als horizontaler Dimension. Ansonsten ist die Bühne leer und bleibt das bis zum vierten Bild. Dann wird ein Sessel für die alte Gräfin hereingetragen.
Regisseur Walerij Fokin verlegt die Handlung in einen schlichten, artifiziellen Raum, in dem sogar die schwarzen Kostüme der Puschkin-Zeit abstrakt und künstlich wirken. Heraus kommt eine radikale Verfremdung des klassischen Stoffes: Er wird in Zeichen und Symbolen aufgelöst und in verschiedene semantische Schichten zerteilt. Nach lange dominierendem Schwarz wirken die im vierten Bild auftretenden Mannequins mit Perücken und langen Röcken (à la Vénus Moscovite des 18. Jahrhunderts) besonders auffallend. Diese weißen Gestalten, die in der Kasernenszene den Schatten der Gräfin begleiten, stehen für eine jenseitige, bedrohliche Macht. Nur selten wird der strenge Ton der Inszenierung durch ...
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