Endlich frei??!!
«Während der Ein- und Auslasszeiten besteht Maskenpflicht, die Sitzordnung ist unbedingt einzuhalten», warnt die Pressestelle der Deutschen Oper in einer Mail drei Tage vor der Premiere ihres binnen kürzester Zeit in den Innenhof, auf das unwirtliche Parkdeck gewuchteten Ersatz-«Rheingolds». Maximal 175 Besucher erlauben die Mitte Juni in Berlin geltenden Corona-Regularien – in gebührendem Abstand, unter freiem Himmel. Die meisten Klappstühle sind mit Plastikplanen überzogen und gut vertäut.
Dazwischen wenige nicht gesperrte Sitze, versprengte Inseln für die Glücklichen, die dieser ersten Live-Vorstellung einer Oper nach mehr als drei Monaten Zwangspause beiwohnen durften. Niemanden stört es, wenn das aus der Stille intonierte tiefe Es des einzigen Kontrabasses, mit dem Wagners «Ring»-Tetralogie hier anhebt, im Grundrauschen des unweit flutenden Berufsverkehrs untergeht oder wenn, als das (von rund 100) auf 22 Mitglieder geschrumpfte Orchester aus dem Dunkel des Rheins zu den lichten Bergeshöhen des Götter-Clans überleitet, ein Helikopter den Sound durchkreuzt. Was zählt, ist nur das eine: Endlich wird gespielt, analog, leibhaftig.
Eigentlich sollte an diesem frühen Sommerabend im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2020
Rubrik: Focus Spezial Neustart, Seite 16
von Albrecht Thiemann
Ungewohntes Bild: Quer durch den Zuschauerraum erstreckt sich eine ausgedehnte Sitzmöbellandschaft. Sämtliche Stuhlreihen sind abgebaut, die Besucher dürfen es sich auf ausrangierten Stoffsofas, Ledercouches und kissenbestückten Gartenbänken bequem machen. Um den vorgeschriebenen Mindestabstand zu garantieren, wurde die Zahl der Plätze im Kleinen Haus des...
Von Rameau über Mozart und Debussy bis zu Philippe Boesmans und George Benjamin – der französische Bariton Stéphane Degout ist auf der Opernbühne ein Alleskönner. Er beeindruckt, wie seine jüngsten Aufnahmen von Berlioz’ «Les Nuits d’été» oder von Debussy-Liedern demonstrieren, aber auch als überragender Liedersänger. Jetzt überrascht er mit Balladen der deutschen...
Die Bedrohung – sie ist an diesem Abend für den Zuschauer, wenn er beim Abdunkeln des Saals seine Maske abnehmen darf, allgegenwärtig. Etwas bricht aus, verdunkelt das ganze Leben und lässt anfangs keinen Raum für Hoffnung. Corona? Nein, es ist ein Vulkan, ähnlich dem des Jahres 1815 – Tambora. Er bescherte Europa seinerzeit einen Sommer ohne Sonne: ein...
