Der Augenblick der Liebe
Den Edelmann aus der Mancha kennen die meisten lesenden Erdenbewohner, Miguel de Cervantes hat ihm ein opulentes, 1500 Seiten langes literarisches Denkmal gesetzt. Wie sein Leben klingen könnte, das wissen zumindest Richard-Strauss-Fans; dessen burleske Tondichtung gehört zum Besten, was in der Gattung zuwege gebracht wurde.
Wie sich aber Don Quichotte auf der Bühne bewegt, damit ist nur ein kleiner Kreis von Massenet-Aficionados hinlänglich vertraut; seit ihrer Uraufführung 1910 in Monte Carlo war die fünfaktige Comédie héroïque auf den Opernbühnen weltweit kaum je zu erleben. Und selbst in der Zauberstadt Paris wurde «Don Quichotte» erst 1974 in voller Länge szenisch präsentiert.
Gründe dafür gibt es einige: Erfolge erzielte Massenet lediglich mit «Manon» und, in Ansätzen, mit «Werther«. «Le Cid» und «Ariane» hingegen taten sich von Anfang an schwer, die Gunst des Pariser Publikums zu erlangen. Erst recht galt das für «Don Quichotte». Als die Oper herauskam, hatten sich die ästhetischen Vorlieben gewandelt; Massenets «altmodische», lyrisch-spätromantische Diktion wollte nicht so recht mehr in diese Zeit passen. Auch die dramaturgischen Schwächen des Werks sind evident: Allzu disparat und lückenreich sind Partitur – diese schwankt auffällig und nicht immer gut vermittelt zwischen Grand Opéra und Gounod, Chausson und Chanson, Couleur en espagnole und französischem Lied – und die von Librettist Henri Cain gewählte literarische Vorlage, Jacques Le Lorrains «Le chevalier de la longue figure».
Und doch: Es lohnt auf jeden Fall, dieses Werk auf den Spielplan zu setzen. Denn es hat Esprit. Wenngleich sich Massenet mit aller Macht gegen den in Frankreich aufflammenden Wagnérisme wendet, so war doch gerade seine Idee, einen musikalischen «Leitgedanken» ins Zentrum zu stellen, stil- und sinnbildend. Wir hören ihn erstmals in Don Quichottes As-Dur-Ständchen für die süße Dulcinea («Quand apparaissent les etoiles»), einem molto lento cantabile von betörender Süße: «Tres amoureusement» wünschte es sich sein Schöpfer, und genauso singt es Christian Van Horn, mit dem Tonfall des dafür vorgesehenen Basso cantante. Immer wieder schimmert diese sehnsüchtige Melodie im weiteren Verlauf durch den transparenten Orchesterklang hindurch, beinahe wie ein Idée fixe. Übertroffen wird sie nur noch von einem ätherischen Violoncello-Solo im Interlude zwischen Akt vier und Akt fünf, einem lento sostenuto im wiegenden 9/8-Takt.
Dirigent Patrick Fournillier kostet solche Momente genüsslich aus, lässt sie atmen und blühen, glühen und strömen; im Orchestre de l’Opéra national de Paris hat er einen nicht nur verlässlichen, sondern förmlich in die Klänge hineinkriechenden Partner. Das Raffinement dieser feinsinnig imaginierten Szenen, der typisch Massenet’sche Duft, die Noblesse der Formulierung – all dies findet in der Weise, wie die Musikerinnen und Musiker agieren, seine poetische Erfüllung. Der «Don Quichotte» in Paris ist ein Sommernachtstraum in Tönen. Der zudem ein Diktum von Carl Dahlhaus unterstreicht, demzufolge in Massenets Don Quichotte «eine indirekte Expressivität» dominiere.
So sublim wie die musikalische «Untermalung» ist auch die Inszenierung. Ist vor allem der Raum. Bühnenbildner Paolo Fantin hat dem Titelhelden, der hier ein dichtender Schulleiter ist, ein weitschweifiges Wohnzimmer in Lindgrün gebaut, mit breitem Sofa, bequemen Sesseln, einem (weißen) Buchregal sowie einer Kommode, auf der ein Foto der Lehrerin Dulcinea steht, welches Don Quichotte von Zeit zu Zeit verliebt in Augenschein nimmt. Leider nimmt der Ritter von der traurigen Gestalt auch Tabletten; wogegen oder wofür, wird nicht ganz klar. Es könnten schmerzlindernde Medikamente sein, aber ebensogut Psychopharmaka. Denn schnell wird eines evident: Dieser Mann leidet an der Welt, an deren Gesetzen – und an sich selbst. In seinen Tagträumen sieht er nicht nur die vermeintliche Geliebte vor sich, sondern auch lauter schwarzgewandete, um ihn herumtanzende Dämonen oder erstarrrte Menschen. Und jene vier Kavaliere in Schuluniformen, die ihm im Original das Leben schwer machen, schälen sich schon während der stampfenden, in schicksalsträchtiges c-Moll gehüllten Introduktion aus den Möbeln und aus dem (ebenfalls lindgrünen) Teppich heraus, wie Eindringlinge ins Reich seiner symbolischen Ordnung. Immer weniger ist Don Quichotte imstande, zwischen Phantomen und Vorstellung, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden. Die angebetete Dulcinea erscheint in diesem Wahnsinns-Kosmos als eine Figur, derer Don Quichotte nie je habhaft werden kann. Doch den Klang ihrer Stimme kann er, wie wir, lustvoll genießen: wenn Gaëlle Arquez mit ihrem backofenwarmen Mezzo von der Vergänglichkeit der Schönheit singt.
Sie ist ihm nah und doch so fern, La Belle Dulcinée. Eine filmische Projektion, die musikalisch Gestalt annimmt, um real vor ihm zu fliehen. Doch kein Blaustrumpf ist diese junge Frau, sondern eine unantastbare, zugleich sanftmütige Schönheit, die das Vergnügen liebt (in den Videos von Roland Horvath steht sie als bewunderte Sängerin der Swinging Sixties auf der Bühne), ohne jedoch ihre Empathie gänzlich aufzugeben. Deutlich wird das schon, als Dulcinea die Streithähne, den jugendlich entflammten Juan (Nicholas Jones) und Don Quichotte, zu besänftigen sucht, um gleich darauf mit diesem zusammen das wehmütige A-Dur-Duett «Elle m’aime et va me revenir» anzustimmen. Doch die Geister, sie wollen einfach nicht weichen. Und dafür hat Bühnenbildner Fantin eine geniale Lösung gefunden: Das Wohnzimmer fächert sich wie von Geisterhand nach hinten auf und entfesselt Don Quichottes Fantasien, die ihn einmal sogar einen Lampenschirm für «strahlende Sterne» halten lassen.
Regisseur Michieletto, das wird auch in solchen Szenen deutlich, hat Mitgefühl mit seinem traurigen Helden. Er liest das Stück aus Don Quichottes Perspektive, aus der Perspektive desjenigen, dem zumindest in der rationalen Welt kaum zu helfen ist. Nur einer ist da, der es vermag: Sancho Panza. Ganz anders als in Cervantes’ Roman, wo er den widerspenstigen Knecht gibt, ist er hier eine Art guter Geist, der den dahinsiechenden Ritter bedient, bekocht, bemuttert – und im entscheidenden Moment gegen die Attacken der Rationalisten beschützt. Massenet hat ihm dafür jenes andante sostenuto in der erstaunlichen Tonart C-Dur komponiert, in dem Sancho Panza ein enthusiastisches Bekenntnis zu dem erhabenen Narren abgibt: «Riez, allez, riez du pauvre idéologique». Étienne Dupuis singt es mit geradezu herzzerreißender Emphase. Fast noch schöner ist ein Moment kurz darauf. Don Quichotte, lebensmüde, verzweifelt, desillusioniert, geht dem Ende entgegen. Aber bevor er dies tut, umarmen sich beide Männer. Und für diesen Augenblick der Liebe hatte Massenet auch die passende Musik zur Hand: Sancho Panzas «O mon maître, o mon grand!». Und während er seinen Freund schluchzend ins Jenseits geleitet, lauscht dieser ein letztes Mal der melancholischen Stimme seiner Angebeteten. Was er nicht weiß: Dulcineas Melodie stammt zwar aus einem Lied, das sie schon einmal gesungen hat – allerdings war er da nicht anwesend.
Massenet: Don Quichotte
PARIS | OPÉRA NATIONAL | BASTILLE Premiere: 14., besuchte Vorstellung: 21. Mai 2024
Musikalische Leitung: Patrick Fournillier
Inszenierung: Damiano Michieletto
Bühne: Paolo Fantin
Kostüme: Agostino Cavalca
Licht: Alessandro Carletti
Video: Roland Horvath/rocafilm
Chor: Ching-Lien Wu
Choreografie: Thomas Wilhelm
Solisten: Gaëlle Arquez (La Belle Dulcinée), Christian Van Horn (Don Quichotte), Étienne Dupuis (Sancho Panza), Emy Gazeilles (Pedro), Marine Chagnon (Garcias), Samy Camps (Rodriguez), Nicholas Jones (Juan) u. a.
www.operadeparis.fr
Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jürgen Otten
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