Denkwürdig
Hat Lise Davidsen ein Opernwunder geschaffen mit ihrem Rollendebüt als Isolde? Ohne Zweifel. Aber für ein Opernwunder wie dieses braucht es mehr Zutaten als nur eine einzige phänomenale Sängerdarstellerin. Am Gran Teatre del Liceu in Barcelona sind ziemlich viele davon zusammengekommen bei «Tristan und Isolde». Schon in den ersten Takten wird deutlich: Dieser Abend atmet frei.
Die Dirigentin Susanna Mälkki nimmt sich – ohne dabei langsam zu werden – Zeit für Phrasierungen und Atempausen, baut das Vorspiel zu Wagners «Handlung in drei Aufzügen» mit dem bestens aufgelegten Orchester klug und wohlklingend auf. Dann öffnet sich der Blick: Bühnenbildner Urs Schönebaum hat eine wunderbare Balance gefunden zwischen realistischem Raum und symbolistischer Seelenlandschaft. Die Regisseurin Bárbara Lluch schafft es, diese beiden Ebenen virtuos zu bespielen.
Der riesige, bugförmige Tisch der ersten Szene beherbergt die übergriffigen Matrosen Tristans ebenso wie Isoldes Vision ihrer Eltern und den abgeschlagenen Kopf ihres früheren Verlobten Morold. Der Raum im langen Liebesduett der Protagonisten im zweiten Aufzug ist Isoldes großzügiges Gemach und weitet sich dann zum Weltinnenraum (Rilke, der Erfinder dieses Wortes, hätte seine Freude gehabt daran) mit traumhaftem Sternenhimmel. Lluch weiß genau, wann sie hier vom ungeduldigen (und recht handfesten) Begehren der beiden umschwenkt zum symbolischen Sich-Umkreisen des Paares. Ihr großartigster Einfall: Wenn Tristan todkrank in seiner alten Heimat Kareol fieberträumt, zieht sein Leben vor seinem inneren Auge vorüber (das hier ein Leben voller Morde und Blut ist). So klar hat vielleicht noch niemand gezeigt, warum Tristan selbst mit allen Liebestränken der Welt nicht wirklich lieben kann, warum er seine Lebensretterin Isolde lieber dem eigenen Onkel als Braut heimholt, als ihr nahe zu sein: Seine Schatten lassen ihn nicht, er ist halt ein Held. Das alles ist stimmig erzählt, detailgenau umgesetzt, kreativ kommentiert: große Regiekunst.
Zum Glück dieses Abends tragen besonders die Sängerdarstellerinnen und -darsteller und der präzise vorbereitete, spielfreudige Chor bei. Besonders beeindruckt Tomasz Konieczny als Kurwenal: kernig, kumpelhaft, kantig. Brindley Sherratt zeigt einen erschütternd gebrochenen König Marke, der den Verrat seines treuesten Freundes Tristan nicht verwunden hat. Ekaterina Gubanova strahlt als Brangäne besonders in der Mittellage Wärme aus. Den größten Part des Abends trägt naturgemäß Clay Hilley als Tristan. Dass sein Beginn eine Spur kehlig gerät, lässt er bald vergessen: Vor dem erwähnten Sternenhimmel ist er seiner Isolde ein ebenbürtiger Partner.
Den Auftritt im dritten Aufzug steigert er großartig – vom aschfahlen Erwachen über die manische Vision der nicht mehr fernen Geliebten im Fünfvierteltakt bis ins Verlöschen bei deren Ankunft.
Die Künstlerin aber, die dieser Isolde ihre Stimme, ihr ganzes Sein leiht, sie hat sich gleich mit ihrem Rollendebüt eingereiht zu ihren größten Ahnen, zu Kirsten Flagstad, Birgit Nilsson oder Waltraud Meier. Lise Davidsen gestaltet mit größter Freiheit in ihrer großen, biegsamen, goldenen Stimme und mit größter Authentizität im Spiel. So zieht sie die Aufmerksamkeit ma -gnetisch auf sich, sei es als pubertär-hibbelige, auf das verabredete Liebesduett mit ihrem heiß ersehnten Tristan Wartende, sei es als gebieterische Königstochter gleich zu Beginn, die ihrem Entführer Tristan erstmal die Leviten lesen muss und sich dafür das volle Ornat ihres Standes anlegt (eine weitere starke Idee von Bárbara Lluch). Und wenn sie den Abend mit ihrer magischschwebenden Darbietung des «Liebestodes» beschließt, scheint es fast, dass ihr kostbares pianissimo den Saal bis in den letzten Winkel hinein nachbeben lässt. Fast schade, dass die Ovationen so schnell in die Stille brechen nach diesem denkwürdigen Abend.
Premiere: 12. Januar 2026
Musikalische Leitung: Susanna Mälkki
Inszenierung: Bárbara Lluch
Bühne und Licht: Urs Schönebaum
Kostüme: Clara Peluffo
Chor: Pablo Assante
Solisten: Clay Hilley (Tristan), Lise Davidsen (Isolde), Tomasz Konieczny (Kurwenal), Ekaterina Gubanova (Brangäne), Brindley Sherratt (Marke), Roger Padullés (Melot), Albert Casals (Seemann/Hirte), Milan Perišic (Steuermann)
www.liceubarcelona.cat
Opernwelt März 2026
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Stephan Knies
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