Das Ende der Trutzburgen

Wie sieht das Opernhaus der Zukunft aus? Die Entwürfe für Düsseldorf und Hamburg signalisieren Offenheit und Gefälligkeit. Aber auch vorauseilende Entschuldigung

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Es gab einfachere Zeiten, um in Deutschland neue Opernhäuser zu bauen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts etwa, als die Reparations-Milliarden nach dem deutsch-französischen Krieg die Wirtschaft des jungen Kaiserreichs in Schwung brachten; als sich neben dem Adel ein starkes, immer finanzkräftiger werdendes Bürgertum herausbildete, das nun seinerseits auf Kulturförderung und Repräsentanz aus war; als die Städte ihr Gründerzeit-Antlitz bekamen mit wuchtigen, historisierenden Bauten: Kirchen, Bahnhöfe, Rathäuser – Stadttheater.

Fast jede größere Stadt ließ damals ein eigenes Theater errichten, möglichst in Bahnhofsnähe, um auswärtigen Besucherinnen und Besuchern entgegenzukommen, in der Gestaltung repräsentativ, wie man das vom Adel gelernt hatte. Es gab Architekten, die mehr oder weniger spezialisiert waren auf Theaterbauten: Bernhard Sehring zum Beispiel, der neben dem Theater des Westens in Berlin auch die Stadttheater in Bielefeld, Halberstadt und Cottbus entwarf. Oder Heinrich Seeling, der gleich ein Dutzend Opernhäuser errichtete, darunter die in Nürnberg, Freiburg, Kiel, Frankfurt (am Main) und Berlin-Charlottenburg – der Vorgängerbau der heutigen Deutschen Oper. Eine wiedererkennbare Theaterarchitektur bildete sich heraus – mit ragendem Bühnenhaus und prächtiger Eingangsfassade, mal einladend gerundet, oft burgartig mächtig. Das signalisierte Selbstbewusstsein und bildete zugleich einen Schutzraum der Kunst gegen den Alltag.

Als es nach dem Zweiten Weltkrieg darum ging, die zerstörten Stadttheater durch Neubauten zu ersetzen, stand die Notwendigkeit, dass das schnellstmöglich zu geschehen hat, außer Frage. Eine Vielzahl neuer Theaterbauten entstand, mittlerweile sind sie zu Sanierungsfällen geworden. Die Instandsetzung und die Aufrüstung mit moderner Theatertechnik kann ein beinahe unmögliches Unterfangen sein, wie man in Köln erleben konnte. Dort hat die Sanierung ein Jahrzehnt länger gedauert als geplant (die Wiedereröffnung soll im kommenden September stattfinden), die Kosten (der finanzielle Aufwand für eine Ausweichspielstätte inbegriffen) haben sich fast verdreifacht. Bei bald 1,5 Milliarden Euro wird sich die Summe am Ende bewegen. Man hätte besser gleich neu gebaut, resümierte die im vergangenen Oktober abgelöste Oberbürgermeisterin der Stadt, Henriette Reker.

Düsseldorf und Hamburg haben sich, bestätigt durch die Kölner Erfahrung, genau dafür entschieden. Im vergangenen November wurden an beiden Orten die siegreichen Entwürfe vorgestellt. Man sieht dort: Die Zeiten, da Stadttheater Trutzburgen der Kunst waren, sind vorbei. Gewünscht ist der offene Bau, ein sogenannter «dritter Ort» (der erste und der zweite Ort wären das Zuhause und die Arbeitsstelle), einladend für alle, egal ob nun opernaffin oder nicht. Der Hamburger Siegerentwurf des Kopenhagener Büros von Bjarke Ingels ist charakterisiert durch Offenheit nach allen Seiten hin: Als «Haus ohne Wände» wurde der Plan gelobt, zumindest, was den Zugang zum Foyer angeht. Bei aller Zugänglichkeit war ein Opernhaus aber noch nie so gut getarnt wie dieses: Büsche und Bäume wachsen auf den Terrassen, die sich um den hügelartig sich erhebenden Bau winden, Wege mäandern ums Haus und aufs Haus hinauf. Die Vögel, aus der Luft, werden wohl nur eine Grünanlage wahrnehmen, angelegt auf dem Baakenhöft in der Hafen-City. Von der Seite betrachtet (Foto-Simulationen geben einen Eindruck) drängt sich mit all dem Grün die Assoziation eines botanischen Gartens auf, vielleicht auch eines zoologischen Parks mit Giraffenhaus. Das ist gefällig und ökologisch vermutlich sinnvoll, jedoch stellt sich die Frage, was hier versteckt werden soll. Ein selbstbewusster Opern-Neubau sähe anders aus. Bei Bjarke Ingels’ Entwurf tritt die Zweitnutzung in den Vordergrund: Wer nicht in die Oper geht, hat doch wenigstens einen ungewöhnlichen Park zur Verfügung. Das wirkt wie eine mitgestaltete Entschuldigung.

Es hätte in Hamburg kantigere, auch selbstbewusstere Entwürfe gegeben: jenen der Gruppe Gerkan, Marg und Partner (gmp) etwa, die – vielleicht etwas zu symmetrisch in der Anlage – bei der Dachgestaltung mit Segel- und Zeltmotiven arbeiten und ein forumartiges Foyer vorsahen für Kammerkonzerte im Abendlicht (dies zumindest suggeriert die Bildsimulation). Oder jenen des norwegischen Büros Snøhetta, die mit der Oper von Oslo eine nach wie vor gültige Wegmarke setzten, was den aktuellen Theaterbau angeht. Für Hamburg hatte Snøhetta einen kantigen Entwurf präsentiert mit schildkrötenartig wuchtiger Dachkonstruktion und ebenfalls begehbaren Terrassen. Wohl etwas zu klobig für das elegante Hamburg.

In Düsseldorf hat Snøhetta hingegen den Wettbewerb gewonnen für das neue Opernhaus, in dem auch Musikbibliothek und Musikschule untergebracht sein werden. Ein echtes Musikzentrum, und das (anders als zwischen Elbe und Alster, wo die zentrale Lage der Staatsoper aufgegeben werden soll zugunsten der Hafenlage) mitten in der Stadt. Beim Baugrundstück gleich benachbart zu Karstadt stellte sich für die Architekten, die auf keine verbindliche Tradition des Theaterbauens mehr zurückgreifen können, allerdings die Frage: Worin unterscheidet sich ein modernes Opernhaus in seiner Außenansicht eigentlich von einem Kaufhaus?

Tatsächlich vermochten die unterlegenen Entwürfe kaum einen Unterschied zu markieren. Die schleierhaft sich öffnende Glasfassade des Büros Wulf-Architekten aus Stuttgart oder die aufgebrochene, leicht geschwungene Straßenseite von Kister Scheithauer Gross-Architekten aus Köln: Dahinter könnte sich auch Peek & Cloppenburg einrichten. Die HPP-Architekten aus Köln und Düsseldorf, ausgezeichnet mit dem zweiten Preis, lassen mit blockartigem Bauen und massiver Fassadengestaltung wiederum die Wucht der Ostblock-Architektur auferstehen. Soviel Retro muss dann auch nicht unbedingt sein. Snøhetta gelingt es hingegen, Noblesse und Geheimnis zu verbinden, wenn sie große Panoramafenster kombinieren mit kleinen lukenartigen Öffnungen in der Fassade, die an das Notenbild einer Partitur denken lassen. Auch beim Düsseldorfer Entwurf herrscht kantige Klarheit, die jedoch durch ein höhlenartig gerundetes Foyer kontrastiert wird. Die Verlockung, der neugierig machende Reiz ersetzt hier den selbstbewussten Auftritt der alten Stadttheater.

In Düsseldorf wie in Hamburg werden nun zwei Jahre ins Land gehen, in denen da wie dort die Detailplanung vorgenommen und ein exakter Kostenplan erstellt werden. Zwei Jahre können lang sein, erst recht in Zeiten, in denen sich die Weltlage rasant verändert und die Veränderungen sich immer weiter zu beschleunigen scheinen. Eine Milliarde Euro ist das Kostenziel in Düsseldorf, in Hamburg geht man von der Hälfte aus, was absurd niedrig erscheint. Die Stiftung von Klaus-Michael Kühne jedenfalls, die den größten Teil der Kosten übernehmen möchte, geht im derzeitigen Vertrag mit der Stadt von einem Maximalbeitrag von 330 Millionen Euro aus. Der größte Prüfstein wird in beiden Fällen aber der Wille sein, unbedingt ein neues Haus für die Oper zu errichten. 


Opernwelt März 2026
Rubrik: Magazin, Seite 86
von Clemens Haustein

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