Das Böse bleibt

Katie Mitchell zeigt Straussens «Frau ohne Schatten» in Amsterdam als Ehe-Thriller, Marc Albrecht bringt die Partitur zum Leuchten

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Sie habe das Stück «von einem eher langsamen Märchen in einen rasanten und brutalen Thriller verwandelt», schickt die Regisseurin ihrer Inszenierung voraus. Katie Mitchell hat also das Märchen gestrichen. Es wird nicht durch die Luft geflogen, es gibt keine prächtig bedeutungsgeladenen Traum-Architekturen; nur dass Keikobads Leute Wolfsoder Vogelköpfe tragen, ist schon ein bisschen gruselig, aber ja auch realer Albtraum.

Der Geisterfürst selbst, das patriarchale Gesetz, wird aus seiner übermächtigen Unsichtbarkeit heraus -geholt, er trägt einen Gazellenkopf, und kaum einmal tönt sein markant absteigendes Dreiton-Motiv, ohne dass er leibhaftig auf der Szene erscheint. Auch die Sache mit dem Schatten, den seine Tochter, die Kaiserin, jetzt endlich und innerhalb von drei Tagen werfen soll, wird allen mythologischmisogynen Mumpitzes entkleidet. Sie soll ja bloß schwanger werden. Deshalb werden immer wieder Ultraschallgerätschaften hereingerollt, da kann man sogleich sehen, ob und wie und was.

Dass die Kaiserin sich den Schatten, auf Rat ihrer schlimmen «Amme», bei einer frustrierten Menschenfrau besorgen soll, lässt sich dann leicht übersetzen. Unfruchtbarkeit unter reichen Frauen ...

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Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Holger Noltze

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