Das Böse bleibt
Sie habe das Stück «von einem eher langsamen Märchen in einen rasanten und brutalen Thriller verwandelt», schickt die Regisseurin ihrer Inszenierung voraus. Katie Mitchell hat also das Märchen gestrichen. Es wird nicht durch die Luft geflogen, es gibt keine prächtig bedeutungsgeladenen Traum-Architekturen; nur dass Keikobads Leute Wolfsoder Vogelköpfe tragen, ist schon ein bisschen gruselig, aber ja auch realer Albtraum.
Der Geisterfürst selbst, das patriarchale Gesetz, wird aus seiner übermächtigen Unsichtbarkeit heraus -geholt, er trägt einen Gazellenkopf, und kaum einmal tönt sein markant absteigendes Dreiton-Motiv, ohne dass er leibhaftig auf der Szene erscheint. Auch die Sache mit dem Schatten, den seine Tochter, die Kaiserin, jetzt endlich und innerhalb von drei Tagen werfen soll, wird allen mythologischmisogynen Mumpitzes entkleidet. Sie soll ja bloß schwanger werden. Deshalb werden immer wieder Ultraschallgerätschaften hereingerollt, da kann man sogleich sehen, ob und wie und was.
Dass die Kaiserin sich den Schatten, auf Rat ihrer schlimmen «Amme», bei einer frustrierten Menschenfrau besorgen soll, lässt sich dann leicht übersetzen. Unfruchtbarkeit unter reichen Frauen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Holger Noltze
Die Machos können beruhigt sein. Männer am Herd, Frauen an der Macht, dies sogar mit einer Generalin an der Spitze, so etwas bleibt beschränkt auf eine Enklave im Ozean. Zumindest in jener «verdrehten Welt», die Antonio Salieri auf ein Libretto von Caterino Tommaso Mazzolà imaginierte. «Il mondo alla rove -scia» heißt der Zweieinhalbstünder im Original und...
Bertolt Brecht hielt nicht besonders viel von der Oper – für ihn war sie ein «wirklichkeitsfremdes» Vergnügen für dicke Bäuche samt Uhrkette und ihre aufgetakelten Gattinnen. Gleichwohl beließ er es nicht bei seiner Kritik an der «völligen Verblödung» der Gattung, sondern erkannte in dieser erzbürgerlichen Kunstform auch das Trojanische Pferd, um seine...
Wissen
Uraufführung in Hamburg: Der scheidende GMD Kent Nagano hebt Unsuk Chins neue Oper «Die dunkle Seite des Mondes» aus der Taufe. Anregen ließ sich die Siemens-Musikpreisträgerin vom Leben und Wirken des Physikers Wolfgang Pauli und dessen Beziehung zum Psychiater Carl Gustav Jung. Es geht um Wissenschaft und Eros, Traum und Entgrenzung. Wir berichten
Mensch...
