Bürgerhölle

Debussy: Pelléas et Mélisande Augsburg / Theater

Opernwelt - Logo

Ein letzter, hochhackig stöckelnder Gang über die Bühne. Kerzengerade, wie immer mit durchgedrücktem Rücken. Das plötzliche winzige Straucheln von Geneviève, das sofortige Rückerobern der Haltung verrät mehr, als ihr lieb ist und als sie sich sehend eingestehen will. Die Katastrophe ist nämlich längst da. Auf der Bühne kleine Schneewehen, in einer liegt der tote, halbnackte Pelléas, während Golaud eine Frau betrauert, die nicht allein wegen ihres knappen blauen Kleidchens noch nie in diese Großbürgerhölle zu passen schien.



Ein leises, schleichendes Unheil ist über diese Familie gekommen. Ein Schicksal, das sich ohne symbolistische Überwürze, ohne Regie-Strichliste aus der Tiefenpsychologie offenbart. Vor diesem Hintergrund ist Yona Kim am Theater Augsburg eine starke Aufführung von Debussys «Pelléas et Mélisande» gelungen. Interessanterweise mit ­einem Bühnenbildner, mit Christian Schmidt, der dasselbe Opus in Frankfurt mit Claus Guth vor eineinhalb Jahren in eben jenen befrachtenden Hypersymbolismus gleiten ließ.

Der Einheitsraum des Augsburger «Pelléas», ein karger Salon aus den Sechzigerjahren mit Chaiselongue, Tisch, Stühlen und schwer nach Wasser dürstender Zimmerpalme, ist ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2014
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Ohren putzen

Der Lustschrei aus dem Auditorium gleich nach dem letzten Akkord des «Don Giovanni» erinnert an die Zuschauer-Hysterie zu Zeiten Karajans, und obwohl Nikolaus Harnoncourt einmal als «Un-Karajan» bezeichnet wurde, scheint vieles nicht unähnlich: ekstatische Publikumsreaktionen, der Medien-Hype und die -Verwertung. Als Ersatz für die wegen des unpässlichen Regisseurs...

Loslassen lernen

Sie dirigieren 2016, nach «Lohengrin», Ihre zweite Festspiel-Premiere in Bayreuth: «Parsifal». Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks haben Sie gerade den dritten Akt konzertant aufgeführt. Ein Testlauf?
In solchen Kategorien denke ich eigentlich nicht. Wir haben nach einer Möglichkeit für konzertante Oper gesucht und sind irgendwann auf «Parsifal»...

Harte Nuss

Mit seinen Opern hatte Antonín Dvorák, mit Ausnahme von «Rusalka», außerhalb Böhmens wenig Glück. Der 1875 komponierten «Vanda» war selbst in seiner Heimat kein Erfolg beschieden: Der Fünfakter im Stil der französischen Grand opéra fiel bei der Prager Premiere durch und ist heute gründlich vergessen. Zu Unrecht, wie jetzt die Osnabrücker Aufführung bewies. Gewiss...