Boulevardprop
Ausgerechnet wenn der berittene Bote im Finale alles aufklärt, wenn Mackie vom Galgen geholt und geadelt wird, da versagt das Pferd. Hat sich wahrscheinlich in die Kulissen verkrümelt, um den Kaviar-Eimer aus dem ersten Akt leer zu lecken. Oder feilt im Ballettsaal ein paar Gänge weiter an seinem Stepptanz. Der vorwitzige Gaul, in dem zwei Frauen stecken, mischt sich ja sonst gern ein. Eine hufklackernde Rampensau, ganz zum plaisier des Publikums. Und er gibt den Ton vor für den ganzen Abend.
«Die Dreigroschenoper» ist in Nürnberg weniger Agit-, sondern Boulevardprop. Einmal purzeln Pappschilder mit Parolen in fehlerhaftem Deutsch wie versehentlich die Bühnentreppe hinunter, sehr bezeichnend ist das.
Der regieführende Chef mag in manchen Augen der Brecht/Weill-Sause die Zähne gezogen haben. Doch Jens-Daniel Herzog dreht den Spieß einfach um. Statt ein Stück vorzuführen, das sich in Brechungen ständig selbst infrage stellt und begrinst, ist die Aufführung ein Schritt Richtung Normalisierung. Nivellierung inklusive. Vielleicht auch, weil sich der Kampfgeist der «Dreigroschenoper» zum Gutteil verflüchtigt hat, Aktualisierungen in den letzten Jahren wirkten eher bemüht statt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Markus Thiel
Kein Geisterschiff bringt in Martin G. Bergers Inszenierung des «Fliegenden Holländers» das Unheimliche an Land – das Grauen wird vielmehr aus der Tiefe geholt, mittels einer Bohrung in die verborgenen psychologischen Abgründe der Figuren. In Wiesbaden bekommt Wagners Oper eine Vorgeschichte. Als das Publikum eintritt, wird auf der Bühne bereits gefeiert: Alle...
Das «Urlicht» glimmt noch, aber Samuel Hasselhorn, der mit dem gleichnamigen Album und Orchesterliedern von Mahler, Korngold, Zemlinsky und Braunfels kürzlich erst Furore machte (berechtigter Lohn war die Kür zur «CD des Monats»), bewegt sich bereits wieder in den Gefilden der frühen Romantik, einer ihm zutiefst vertrauten ästhetischen Landschaft: «Licht und...
Becketts Figuren sind ausnahmslos erschöpft und ausgelaugt Wartende, im Grunde ähneln sie den Figuren Tschechows. Der Unterschied liegt in der Perspektive. Während Tschechows Figuren auf etwas warten, das in der Zukunft liegt (aber nie erscheinen wird), warten Becketts Figuren nur noch auf das Ende. Sie haben jede Hoffnung, es würde sich in ihrem Leben noch etwas...
