Boulevardprop

Weill: Die Dreigroschenoper am Staatstheater Nürnberg

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Ausgerechnet wenn der berittene Bote im Finale alles aufklärt, wenn Mackie vom Galgen geholt und geadelt wird, da versagt das Pferd. Hat sich wahrscheinlich in die Kulissen verkrümelt, um den Kaviar-Eimer aus dem ersten Akt leer zu lecken. Oder feilt im Ballettsaal ein paar Gänge weiter an seinem Stepptanz. Der vorwitzige Gaul, in dem zwei Frauen stecken, mischt sich ja sonst gern ein. Eine hufklackernde Rampensau, ganz zum plaisier des Publikums. Und er gibt den Ton vor für den ganzen Abend.

«Die Dreigroschenoper» ist in Nürnberg weniger Agit-, sondern Boulevardprop. Einmal purzeln Pappschilder mit Parolen in fehlerhaftem Deutsch wie versehentlich die Bühnentreppe hinunter, sehr bezeichnend ist das.

Der regieführende Chef mag in manchen Augen der Brecht/Weill-Sause die Zähne gezogen haben. Doch Jens-Daniel Herzog dreht den Spieß einfach um. Statt ein Stück vorzuführen, das sich in Brechungen ständig selbst infrage stellt und begrinst, ist die Aufführung ein Schritt Richtung Normalisierung. Nivellierung inklusive. Vielleicht auch, weil sich der Kampfgeist der «Dreigroschenoper» zum Gutteil verflüchtigt hat, Aktualisierungen in den letzten Jahren wirkten eher bemüht statt ...

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Opernwelt März 2025
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Markus Thiel

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