Boulevard solitude
In seinem gereimten Traktat über die Einsamkeit bespielt Wilhelm Busch virtuos die Bühne sarkastischen Humors – und sucht etwa mit Augenzwinkern zu beglaubigen, dass der Einsame es guthabe, da ihn «in seinem Lustrevier kein Mensch, kein Tier und kein Klavier» störe. Und dass sich, «abgeseh’n vom Steuerzahlen, das Glück nicht schöner malen» ließe. Am anderen Ende der Skala von beißender Ironie zur bitteren Melancholie agiert Gustav Mahlers «Einsamer im Herbst» wie vor schwarzen Vorhängen, wenn er bekennt, er weine viel in seinen Einsamkeiten.
Ja, Einsamkeiten: Plural, wie es auch der Titel des vorliegenden Albums suggeriert. Denn das Wort umfasst viele Schattierungen: das aktive, selbstgewählte Alleinsein (etwa des Eremiten) ebenso wie die passive Vereinsamung des sozial Ausgestoßenen. Alexander Meier-Dörzenbach sucht dies in seinem Booklet-Essay mit einem Schwenk ins Englische zu erläutern, wenn er von «Loneliness» respektive «Solitude» schreibt.
Der dramaturgische Raum dieser CD umgreift all dies und bezieht sich dabei auf die Namen Lord Byron, Napoleon, Georg Trakl sowie jene der Komponisten Arnold Schönberg, Philippe Boesmans und Giacinto Scelsi. Wobei Boesmans mit seinen ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Gerhard Persché
Der Psychokrimi «Die tote Stadt» machte Erich Wolfgang Korngold früh weltberühmt. In seiner im Dezember 1920 parallel in Hamburg und Köln aus der Taufe gehobenen Oper balancierte das 23 Jahre junge Wiener Wunderkind traumwandlerisch zwischen expressionistischer Orchesterwucht und süßlich satten Vokallinien. Doch es folgte nicht der kühne Aufbruch in die Moderne,...
Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte....
Programmatisch war die Idee nicht sonderlich kühn – «Eugen Onegin» kennt in Russland jedes Kind. Personell hingegen schon. Doch am Ende erwies sich die Entscheidung der Oper Jekaterinburg, Dmitry Volkostrelov für eine Neuinszenierung von Tschaikowskys «Lyrischen Szenen» zu verpflichten, als sehr gute Wahl. Volkostrelov ist eine außergewöhnliche Figur im Kulturleben...
