Dream first, then budget
Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte. Aber es ist eben passiert, vor vielen, vielen Jahren. Und die Art und Weise, wie Nagano die Geschichte erzählt, ist wirklich angetan, den Leser leise und verständnisvoll schmunzeln zu lassen.
Was vorgefallen war? Ganz einfach: Sarah Caldwell, die allmächtige und arbeitswütige Chefin der Opera Company of Boston, hatte ihrem Assistenten über Nacht eine mehr als herkulische Aufgabe erteilt: Er möge doch bitte binnen acht Stunden, also bis zur Morgenprobe, eine bestimmte Passage aus Offenbachs opéra bouffe «Orpheus in der Unterwelt» neu arrangieren, einen geschmeidigen Übergang zur nächsten Szene komponieren und das Ganze auch in die einzelnen Orchesterstimmen übertragen. Der eifrige Lehrling, wie Nagano sich selbstironisch rückblickend nennt, tat sein Bestes, um ein Zauberlehrling zu sein, vergaß aber in der Hektik der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 34
von Jürgen Otten
Aus dem Graben tönt die Sublimierung. Sir Donald Runnicles steuert nicht zielgerade auf die (angeblichen) Höhepunkte der Partitur zu, seien es die mit tenoralem Testosteron gestählten Schmiedelieder im ersten Aufzug oder der C-Dur-Jubel der lachenden Liebe im Schlussduett zwischen Brünnhilde und Siegfried. Der von der Queen geadelte Generalmusikdirektor der...
Stimmlich, figürlich und darstellerisch (man verstand jedes Wort) einfach die Erfüllung einer seit 25 Jahren an die Deutschen gestellten Forderung» – so schwärmte Richard Strauss brieflich über Maria Rajdl, nachdem er sie 1930 in Dresden als Salome erlebt hatte. Schließlich hatte er selbst einiges getan, um der Sopranistin den Auftritt in der 1905 gleichenorts...
In der Bibel ist die Geschichte von Kain und Abel schnell erzählt. Ein paar Verse. Nicht mehr. Viele Fragen bleiben. Warum wird das eine Opfer angenommen? Warum das andere verschmäht? Warum verliert das Buch der Bücher kein einziges Wort über das Elternpaar Adam und Eva? Wie kommt es zu dem Brudermord? Und was hat es eigentlich mit dem Kainsmal auf sich? Wie sieht...
