Eine Prise Glück

Zum Tod des Musicalkomponisten und Textdichters Stephen Sondheim

Opernwelt - Logo

Mrs. Lovett liebt Fleischpasteten. Aber nicht irgendwelche. Sie bevorzugt die mythische Variante.

Wie Tantalos, der die Götter prüfen wollte, als er ihnen seinen Sohn Pelops zum Mittagsmahl servierte, wie Atreus, der die  Söhne des Thyestes schlachtete, damit er sie seinem Bruder kredenzen konnte, so verfrachtet auch die Londoner Geschäftsfrau all jene Leichen, die ihr Sweeney Todd zugeführt hat (und mit dem sie eine folie à deux verbindet, ein genuin tiefromantischer, jedoch ins Perverse neigender Liebeswahn), einige Stunden in den Ofen, bevor sie als fein zerhacktes Menschenfleisch in den Mägen ihrer Kunden landen. Das Schöne daran: Zwei Fliegen sind mit einer Klappe geschlagen. Der Barbier hat seine Rache, die «Bäckerin» den Verdienst.

Als dieser schaurige Stoff, von Stephen Sondheim zu einem makabren, zugleich tiefschürfenden Musical-Thriller vertont, 1979 im New Yorker Uris Theatre herauskam, war die Begeisterung einhellig. Da war ein Werk in der Welt, bei dem alles stimmte: die Geschichte mit all ihren sadomasochistischen Fantasien und Grand guignol-gleichen Absurditäten, die Mischung aus Slapstick und absurder Erotik (hinter der sich das große Verlangen nach Nähe verbarg) ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Traurige Zeiten

Wie sich die Zeiten doch ändern: Als 1835 Karl von Gutzkows Roman «Wally, die Zweiflerin» erschien, ging nicht nur ein weithin hörbares Raunen durch den deutschen Blätterwald, der Autor landete für seine angeblich blasphemische und (aufgrund einer Nacktszene in der Hochzeitsnacht) als pornografisch inkriminierte Fiktion sogar im Gefängnis und wurde mit einem...

So groß der Schmerz

In der Bibel ist die Geschichte von Kain und Abel schnell erzählt. Ein paar Verse. Nicht mehr. Viele Fragen bleiben. Warum wird das eine Opfer angenommen? Warum das andere verschmäht? Warum verliert das Buch der Bücher kein einziges Wort über das Elternpaar Adam und Eva? Wie kommt es zu dem Brudermord? Und was hat es eigentlich mit dem Kainsmal auf sich? Wie sieht...

Staunen will ich, staunen!

Herr Erath, träumen Sie manchmal in Farbe?
(lacht) Ich glaube, eher selten. Aber ich träume generell viel. Und Oper ist für mich eigentlich immer eine Form von Traumerzählung.

Was findet in dieser Traumerzählung statt?
Sehr viel, einfach schon durch die Setzung: Was Oper genuin ausmacht, sprich: das gesungene (und eben nicht gesprochene) Wort, ist die Tatsache,...