Böse, böse
«Le vieil hiver a fait place au printemps;/ La nature s’est rajeunie»! Die Strecke von Lewes nach Glyndebourne – ein lockerer Vier-Meilen-Marsch – ist ohne Weiteres zu Fuß zu schaffen. Auf den Kreidekämmen der South Downs hat der Frühling nicht minder mächtig zugeschlagen als auf den ungarischen Feldern in Berlioz’ «Damnation de Faust». Sogar einen Hirten gibt es. Allerdings sieht der nicht festlich aus, sondern verschwitzt: Er ist dabei, seinen Schafen eine Wurmkur zu verpassen.
Der Pfad zum Opernhaus führt geradewegs durch empörtes Blöken, stiebende Wolle und jede Menge Köttel. Das Gatter bewacht ein sturer Hütehund: Prosaik versus Pastorale. Passt doch: Bei Berlioz bleibt das D-Dur-Idyll der ersten Szene auch nur bis Takt 6 ungetrübt.
Hinter dem Theater sonnen sich die brandneuen Werkstätten, dunkle Giebel huldigen den alten Scheunen der Region. Das geschwärzte Holz hat Bühnenbildnerin Hyemi Shin gleich in die «Damnation» einfließen lassen. Hoch überragen finstere Galerien die Spielfläche, im Schummerlicht leuchten Geweihe: Im Hörsaal versammeln sich Böcke zum teuflischen Lehrstück. Ihr Meister lässt auch nicht lang auf sich warten.
Méphistophélès ist, an Auftritten und ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Wiebke Roloff Halsey
Der See, über dem die Amme zu Beginn der «Frau ohne Schatten» ein geisterhaftes Licht wahrnimmt, lässt in Vincent Huguets Wiener Neuinszenierung an jenes bleiche unterirdische Gewässer denken, an dem – glaubt man Gaston Leroux – ein gespenstischer Maskenmann hauste und seinem dämonischen Orgelspiel frönte. Dieser «See» existiert tatsächlich, ein Grundwasserbecken...
Ohne Umschweife steht die von Jetske Mijnssen realisierte Zürcher Inszenierung von «Hippolyte et Aricie» dazu, dass es sich bei der Oper Jean-Philippe Rameaus um einen Stoff handelt, der inhaltlich wie formal aus weit entlegener Vergangenheit stammt. Für sein Textbuch hat sich der Librettist Simon-Joseph Pellegrin auf eine Tragödie von Jean Racine gestützt, der...
Das größte Ereignis hier ist die Musik. Gut, John Adams hat für seine Oper «Nixon in China» ein Geflecht von Ohrwürmern komponiert, dieses mit einem treibenden Rhythmus unterlegt und mit Pop-, Jazz-, Barock-, Strauss- und Wagner-Zitaten angereichert. Aber es bleibt bei dieser Musik, die viel mehr ist, als man gemeinhin unter «Minimal Music» versteht, auch etwas...
