Bluthochzeit
Nein, der Mond scheint hier nicht über Judäa. Weder am Anfang, wenn er im Original als seltsame Scheibe am freitonalen Firmament auftaucht und den wunderschön singenden Narren Narraboth (Denzil Delaere) in seiner nachgerade idiotischen Verliebtheit anstrahlt, noch am Ende, wenn er aus dem grellen Cis-Dur-Tremolo hervorbricht und die Prinzessin beleuchtet, kurz bevor Herodes den Befehl gibt, sie zu töten. Und auch dazwischen sieht man Frau Luna keine Sekunde lang.
Über der fähnchenbewehrten, mit ikonographischen Motiven aller Arten versehenen und mit zwei riesigen Mount Rushmore-Gebilden (in denen wir Nachbildungen von Salome und Herodes vermuten dürfen) ausgestatteten Trutzburg, die Ersan Mondtag als sein eigener Ausstatter auf die Bühne der Opera Vlaanderen gewuchtet hat wie ein Riesenspielzeug aus Stein, Staub, Stahl und Sand, liegt unheilverkündendes Halbdunkel (Lichtdesign: Sascha Zauner). Und wüsste man in den ersten Minuten schon, wie das Innere dieser festen Burg, die vom Glauben nur sehr bedingt durchglüht ist, aussieht, man hätte schon zu diesem frühen Zeitpunkt eine böse Ahnung: Das nimmt nicht nur für die Titelheldin ein schlimmes Ende. Doch dazu später mehr.
Denn ...
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Opernwelt Februar 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Es riecht. Mottenkugeln könnten das sein, doch die Nachbarn im Parkett sind’s bestimmt nicht, hier verströmt sich ja teures Parfum. Es muss wohl von vorn kommen: Es muffelt auf der Bühne. Dort, wo alles in heimeliges Sepialicht getaucht ist und eine Szenerie den ästhetischen Rücksturz in Opas Oper feiert. Alles 18. Jahrhundert: die Gehröcke der Herren mit den...
Es mag seltsam anmuten, doch gerade in seinem Sehnsuchtsland, dort, wo die Zitronen blühen, fand sich – mit Ausnahme Ferruccio Busonis, der aber eine heftige Neigung zu Deutschland empfand – kein bedeutender italienischer Komponist des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, der Goethes Schauspiele, Dramen oder Gedichte in Töne setzen wollte. Sie alle, sei es Bellini...
Das Theater als Tollhaus? Bitte, hier haben wir es! 1500 Schulkinder veranstalten schon vor Beginn der «Familienoper zur Weihnachtszeit» eine Party, wie sie so nicht im Buche steht, jedenfalls nicht in dem jener Erzieherinnen, die sich nach Kräften mühen, die Begeisterung zu dämpfen, damit man die Musik aus dem Graben, wo Neil Valenta seines Amtes waltet, zumindest...
