Blick in die (Medien-)Zukunft

Dessau: Puccini: Turandot

Opernwelt - Logo

Eine geläufige moderne Deutung von Puccinis «Turandot» geht so: Turandot, die «eisumgürtete Prinzessin» ist eine tief traumatisierte Frau, ihre Erzählung von der einst geschändeten Ahnin verweist auf eigene Missbrauchserfahrungen, aus ihnen speist sich ihr mörderischer Männerhass. Calaf heilt sie, indem er sich ihr bedingungslos ausliefert. Das ist ein therapeutischer Prozess, an dessen Ende Turandot Liebesfähigkeit und Lebensfreude wiedergewinnt.

Doch an dieser Geschichte stimmt etwas nicht: Denn was für eine Liebe ist das, wenn Calaf ihrer Verwirklichung bedenkenlos Menschenleben opfert, darunter das der ihm liebend ergebenen Sklavin Liù und des eigenen Vaters?

Schon wenn Calaf der Prinzessin erstmals gegenübertritt, entfaltet sich kein duettierendes Mit-, sondern ein kompetitives Gegeneinander. In Wahrheit – das arbeitet Michael Dißmeier in seinem Dessauer Programmheftessay schlüssig heraus – geht es nicht um Liebe, sondern bis zuletzt um Macht. Die Widersprüche des Stücks lösen sich bei dieser Betrachtung: Calafs Hingabebereitschaft ist nichts als ein psychologischer Trick, das ultimative Mittel zum Zweck – der Eroberung Turandots. Er sagt es selbst: «Und wenn die Welt zugrunde ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2010
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Ingo Dorfmüller

Vergriffen
Weitere Beiträge
Kampf und Krampf

Es dauert nicht lange, da serviert Calixto Bieito im Basler Theater den ersten Schocker. Ramfis (mit eindrucksvollem Oberkörper und kräftigem Bass: Daniel Golossov), ganzkörperbemalt als eine Art Fußballkrieger, hat ein aufgeschlitztes Reh dabei und wühlt in den blutigen Eingeweiden, während er die Schnauze küsst. Ein Priester in Soutane führt ein Kind an der...

TV-Klassiktipps November 2010

ARTE
1.11. – 0.30 Uhr
Es wird einmal gewesen sein.
Dokumentarfilm von Anca Miruna Lazarescu über John Cages Musikstück «Organ2/ASLSP».

1./17./25./29.11. – 6.00 Uhr
Garrick Ohlson spielt Chopin: Klavierkonzert Nr. 1.

1.11. – 22.05 Uhr
Janácek: Aus einem Totenhaus.
Aix-en-Provence 2007. Musikalische Leitung: Pierre Boulez, Inszenierung: Patrice Chéreau. Solisten: Olaf Bär,...

Mozarts bester Schüler

Er war Meisterschüler Mozarts, Haydns Nachfolger in Esterhaza, Kapellmeister in Goethes Weimar, und seine Klavierwerke stellen wichtige Weichen für die Romantik. Schon angesichts der bedeutenden kulturgeschichtlichen Verlinkungen Johann Nepomuk Hummels ist es erstaunlich, dass sein Opernschaffen bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde. Erst jetzt liegt eine Probe...