Beziehungsweise
Lucia Ronchetti ist eine Grenzgängerin. Zwischen den Genres, zwischen den Künsten. Ob sie während der Münchner Opernfestspiele mit Sängern, Schauspielern, Musikern und Passanten über die Ludwigstraße zieht, ob sie bei einem Solostück murmelnde Männerstimmen aus dem Publikum hörbar werden lässt, ob in «Anatra al sale» die titelgebende Ente tatsächlich zubereitet und in den Ofen geschoben wird – fast immer wird die Zuordnung der Elemente Text, Musik, und Szene, und damit zugleich das Verhältnis von Realität und künstlerischer Reflektion, neu definiert.
Ein zweites wichtiges Element ist die Gegenwart des europäischen Kulturerbes. Die Münchner Parade war von der Satire des Humanisten Sebastian Brant inspiriert; die murmelnden Stimmen im Solostück von Marcel Prousts «Suche nach der verlorenen Zeit» und «Anatra al sale» von den Madrigalkomödien des 16. Jahrhunderts, in denen es eben auch häufig um die leiblichen Genüsse geht.
Der Ausgangspunkt des Dresdner Opernprojektes war Pietro Metastasios einzige Komödie «Dorina e Nibbio», auch bekannt als «L’Impresario delle Canarie» – eine boshafte Satire auf den Opernbetrieb seiner Zeit. Zwei Versionen dieses zweiaktigen Intermezzos (Domenico ...
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Opernwelt April 2015
Rubrik: Magazin, Seite 74
von Ingo Dorfmüller
Joyce DiDonato als Elena, Juan Diego Flórez als Giacomo V, John Osborn als Rodrigo – der Besetzungszettel für Rossinis «La donna del lago» an der Metropolitan Opera las sich wie die Ankündigung eines Weltbelcantogipfels. Paul Currans mit Santa Fe koproduzierte und dort bereits im Sommer 2013 herausgebrachte Inszenierung braucht uns hingegen nicht weiter zu...
Der Befund ist kaum neu: So wie das Schauspiel immer weniger seinen Texten vertraut und durch den Griff der Protagonisten nach dem obligatorischen Mikrofon zum Musiktheater wird, so wird in der Oper der Vertrag mit der Partitur brüchiger. Solange aber Uraufführungen als Auftragswerke in den herkömmlichen Opernbauten und unter den üblichen Bedingungen genormter...
«Tut wu-a yeri enti / Waa wau yeri wenenet.» Schon die Sprache schafft Distanz. Echnaton, der Pharao mit den radikalen Ideen und der unstillbaren Sehnsucht nach dem Licht, preist den Schöpfer der Dinge und des Lebens, der die Menschen mit seinen Augen und die Götter mit seinem Mund schuf, (meist) in altägyptischer Sprache: «Perer en rem em yertif / Cheper netscheru...
