Berückender Leerlauf
Das Auge muss sich erst einmal zurechtfinden auf Dorota Karolczaks üppig möblierter Bühne im noch schummrigen Licht der Ouvertüre von «Rodrigo», der diesjährigen Neuproduktion der Göttinger Händel-Festspiele. Denn der einst elegante Salon mit Hinterzimmern ist arg heruntergekommen.
Der Putz bröckelt, großflächig breitet sich Schimmel aus, Löcher in der Decke und heraushängende Kabel bieten pittoresken Trash; in der Mitte vorn thront eine verwohnte Sitzlandschaft nebst Bar-Wagen, im Hintergrund bewegt sich jemand an einem Flügel halbwegs synchron zu den knackig zugespitzten Rhythmen des Vorspiels. Das dauert außergewöhnlich lange und ist vielfach unterteilt in schnelle und langsame Sätze, die sich, wie eine Suite, selbst zu genügen scheinen.
Die Handlung nimmt die historische Figur Roderichs, des letzten Königs der Westgoten, zum Anlass für barockoperntypisch verzwickte Konstellationen. Der Titelheld (Sopran!) ist bei Händel ein sprunghafter Egomane, der in kinderloser Ehe mit Esilena (Sopran) lebt und eine gewisse Florinda (Sopran) geschwängert hat. Beide Damen interessieren Rodrigo aber nicht sonderlich. Ferner gibt es noch den König Evanco von Aragon (Countertenor), den der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Regine Müller
Bald sind es vier Jahrzehnte. So lange wird Carola Fischer dann als Solistin auf der Bühne des Staatstheaters Cottbus gestanden haben. Aber was heißt hier: gestanden? Fast alle für ihren Mezzosopran geeigneten Rollen hat die gebürtige Berlinerin an dem Haus gesungen, von den leichten bis zu den schweren Fächern, von Mozarts quirligem Cherubino bis zu Wagners...
Was tun mit Gottfried, dem abwesenden, vermeintlich von Elsa getöteten Kind, das am Ende wundersam stumm wieder auftaucht? Ein Fall für Statisten zwischen sechs und 16? Hans Neuenfels ließ diese Erlöserfigur in Bayreuth als Homunkulus auftreten, Yuval Sharon als giftgrünen Plüschanzugmann. In Nürnberg trägt Brabants neuer Führer Minidutt, Fellkragen, löchrige...
«Mein Mund soll meines Herzens Bosheit sagen, / Sonst wird mein Herz, verschweig’ ich sie, zerspringen: / Und ehe das geschehe, will ich frei / Und über alles Maß die Zunge brauchen ...» So sagt es Katharina in Shakespeares «Der Widerspenstigen Zähmung»; man hätte sich auch Richard Strauss’ Ehegespons Pauline de Ahna in dieser Rolle vorstellen können. Ob das Stück...
