Suggestive Distanz
Eine Frau im Brautkleid, gefangen in Erinnerungen, halb träumend, halb delirierend, tigert durch die große Halle ihres verlassenen, kalten, dunklen Schlosses. Stummfilm-Ästhetik. Waffen und Fahnen an den hohen Mauern, ein Kamin, dessen Größe wetteifert mit der Kälte, die er ausstrahlt. Die Frau ist keine Lucia, auch keine Mélisande, überhaupt alles andere als eine Opernfigur.
Gespielt wird Frank Martins «Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke», ein balladenhafter Liederzyklus für tiefe Frauenstimme und Kammerorchester, der im Auftrag des Schweizer Mäzens Paul Sacher entstand und 1945 in Basel uraufgeführt wurde.
Martin hat Rilkes berühmte, in einer Nacht zu Papier gebrachte melancholische Erzählung über den Verlust von Heimat, Liebe und Vertrautheit eines Soldaten in der Fremde explizit einer Frauenstimme zugedacht – und damit die männliche Perspektive gebrochen, Rilkes Text über den historischen Fahnenträger, der in den Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts einen sinnlosen Heldentod starb, in die Erinnerungen, Projektionen und Fantasien einer weiblichen Seele, einer Geliebten oder Mutter, transferiert.
Es ist Ute Haferburgs letzte große Produktion als Intendantin ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Reinmar Wagner
Sie war überfällig, diese russische Erstaufführung. Schon wegen des Stoffs, den Peter Eötvös für seine erste große, 1998 in Lyon aus der Taufe gehobene Oper wählte: Tschechows Drama «Drei Schwestern». Und weil die bleierne Atmosphäre, die den Figuren in dem bald 120 Jahre alten Stück die Luft abschnürt, auch heute, unter veränderten Vorzeichen, auf dem Land...
Der Befund ist nicht neu: An den 24 Musikhochschulen Deutschlands werden zu viele Sänger ausgebildet. Mit 80 staatlich und/oder städtisch geförderten Opernhäusern, die Jahr für Jahr rund 6000 Repertoirevorstellungen anbieten, gilt die Bundesrepublik zwar nach wie vor als El Dorado auf dem globalen Stimmenmarkt, doch die Chance, sich nach jahrelanger Ausbildung...
Bald sind es vier Jahrzehnte. So lange wird Carola Fischer dann als Solistin auf der Bühne des Staatstheaters Cottbus gestanden haben. Aber was heißt hier: gestanden? Fast alle für ihren Mezzosopran geeigneten Rollen hat die gebürtige Berlinerin an dem Haus gesungen, von den leichten bis zu den schweren Fächern, von Mozarts quirligem Cherubino bis zu Wagners...
