Die Partitur als Stadtplan
Die Frage lässt sich wohl kaum intuitiv beantworten und hat mit persönlichem Geschmack wenig zu tun: Machen die Musiker wirklich das, was der Komponist sich vorgestellt hat? Auch der Blick in den Klavierauszug gibt nur pauschal Auskunft. Um hier tiefer einzudringen, bedient sich der an vielschichtigem Verstehen interessierte Hörer dessen, was der Dirigent unbedingt benötigt: der Partitur.
Mag darin, wie Gustav Mahler einmal spöttisch anmerkte, «alles stehen, nur das Wesentliche nicht», so kann man dort nicht nur überprüfen, wo gekürzt wurde, sondern auch, ob die Temporelationen stimmen, wie die Dynamik der Instrumente gedacht ist und vieles mehr. Es ist wie bei einem Stadtplan, der uns zeigt, in welcher Gasse wir uns gerade befinden.
Einen solchen «Stadtplan« gibt es nun auch für Erich Wolfgang Korngolds Traum-Oper «Die tote Stadt». Aufgrund des anhaltenden Erfolgs dieses bei den parallelen Uraufführungen in Köln und Hamburg 1920 enthusiastisch aufgenommenen, dann aber in Vergessenheit geratenen Bühnenwerks frei nach Georges Rodenbachs symbolistischem Roman «Bruges-la-Morte» entschied sich der Schott-Verlag, die gesamte Partitur (und damit auch das vollständige ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Christoph Schlüren
Gelegentlich öffnet sich der Himmel des Liedgesangs. Für den Schreiber dieser Zeilen war’s etwa im Frühjahr 1964, als er in Graz Fritz Wunderlich mit Schumanns «Dichterliebe» live hörte. Die Einspielung dieses Zyklus durch den Tenor und Hubert Giesen darf als Referenz gelten; freilich folgt sie der auch heute noch weithin benutzten, 16 Lieder umfassenden...
Das Auge muss sich erst einmal zurechtfinden auf Dorota Karolczaks üppig möblierter Bühne im noch schummrigen Licht der Ouvertüre von «Rodrigo», der diesjährigen Neuproduktion der Göttinger Händel-Festspiele. Denn der einst elegante Salon mit Hinterzimmern ist arg heruntergekommen. Der Putz bröckelt, großflächig breitet sich Schimmel aus, Löcher in der Decke und...
Sie war überfällig, diese russische Erstaufführung. Schon wegen des Stoffs, den Peter Eötvös für seine erste große, 1998 in Lyon aus der Taufe gehobene Oper wählte: Tschechows Drama «Drei Schwestern». Und weil die bleierne Atmosphäre, die den Figuren in dem bald 120 Jahre alten Stück die Luft abschnürt, auch heute, unter veränderten Vorzeichen, auf dem Land...
