Belebte Zeichen
Über die szenische Einrichtung geistlicher Werke lässt sich trefflich streiten.
Was haben ein Requiem, ein Stabat mater, ein Oratorium auf der Tanz- oder Opernbühne zu suchen? Ging es Bach, Händel, Mozart, Mendelssohn – bei allen Unterschieden im musikalisch-theologischen Selbstverständnis und in den historischen Parametern – nicht primär um die Verkündigung spiritueller, aus biblischen Erzählungen gewonnener Wahrheiten? Wird man diesen Werken nicht eher durch eine Haltung asketischer Kontemplation gerecht als durch bildmächtige Aktion? Sprechen die Texte und die Musik nicht für sich? Was ist gewonnen, wenn zu Wort und Klang die (Bewegungs-)Sprache von Körpern, das Vokabular von Gesten, Kostümen und Raumbildern tritt?
Andererseits: In jedem geistlichen Opus steckt immer auch ein Stück Handlung. Kaum eines zielt auf reine Meditation. Die Prophetien des Alten Testaments und die Geschichte(n) vom Leben und Sterben Christi – sie berichten immer auch von (prototypischen) menschlichen Konstellationen, die eine Visualisierung nahelegen. Wenn Choreografen wie John Neumeier oder Regisseure wie Götz Friedrich und Dietrich Hilsdorf Bach «inszenieren», wenn Achim Freyer Verdis «Requiem» als ...
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Erstaunlich ist es schon. Da ist, seit nunmehr sechzig Jahren, ein Werk in der Welt, das zu den tiefgründigsten, vielschichtigsten, erschütterndsten Zeugnissen seines Jahrhunderts zählt, und doch erklingt es auf den Opernbühnen selten nur. Ein Grund für das mangelnde Interesse an Dallapiccolas «Il prigioniero» liegt womöglich in der Schwierigkeit, ein passendes...
Es gab Zeiten, in denen sich Prag rühmen konnte, eines der internationalen Zentren für die Pflege der Musik Richard Wagners zu sein. Längst ist das nicht mehr der Fall, die letzte bemerkenswerte Produktion, ein «Tristan» am Nationaltheater, liegt etliche Jahre zurück. Und an der Staatsoper, dem zwischen Hauptbahnhof und Wenzelsplatz gelegenen ehemaligen Neuen...
Mit Spannung war das Regiedebüt des Tenors José Cura erwartet worden. Und der erste Akt beginnt auch durchaus vielversprechend: Graf Riccardo zeigt sich als moderner Autokrat, der seine Mitarbeiter am großen Konferenztisch antreten lässt und unter einem riesigen Porträt seiner selbst (in jungen Jahren) den Regierungsgeschäften nachgeht. Er hat es trotz seiner...
