Begehrliche Blicke
Dirigent Stefano Montanaro hält die Trompete zurück zu Beginn der Ouvertüre, lässt sie das Fluchmotiv zaghaft austasten, um das Crescendo dann umso heftiger aufzupeitschen. Der Vorhang öffnet sich auf ein tableau vivant: Caravaggios «Martyrium des Heiligen Matthäus», jedoch mit veränderter Besetzung. Den Soldat, der zum tödlichen Streich ausholt, maskiert ein Rinderschädel. Er entpuppt sich wenig später als der Herzog. Das Opfer am Boden ist Monterones Tochter, in weißem Kleid und hochschwanger.
Wie einst der historische Herzog von Mantua, ist der Duce in diesem «Rigoletto» ein Kunstliebhaber – und in seiner im September herausgekommenen Inszenierung konditioniert Oliver Mears, Covent Gardens Opernchef, den Blick des Publikums mit Meisterwerken aus der Malerei. So hängt im ersten Akt Tizians «Venus von Urbino» über dem schmeichelnden Getue der Höflinge, als bühnenbreite Überschrift. Die Linke lässig auf die Scham gelegt stellt sich die donna nuda begehrlichen Blicken. Im zweiten Bild sehen wir Gilda in derselben Haltung. Bloß ist sie vollständig bekleidet, schlummert, ahnt nicht, wie man in der Welt des Herzogs auf Frauen sieht – dass man sie allein aufgrund ihres Geschlechts als ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Wiebke Roloff Halsey
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Es ist nicht überliefert, ob Emilia Marty, diese durch und durch erstaunliche Frau, eine eifrige Leserin der Schriften von Søren Kierkegaard war. Genügend Gründe, sich zumindest in eines seiner Traktate zu vertiefen («Die Wiederholung» von 1843), hätte die gute Emilia jedoch auf jeden Fall gehabt. Denn dortselbst findet sich ein Satz, der ziemlich genau beschreibt,...
Komponistinnen sind zwar im kulturellen Klima der Diversität «angesagt», ihre Werke führen im Konzertsaal und auf den Opernbühnen aber nach wie vor ein Schattendasein. Rühmliche Ausnahmen: das Stadttheater Bremerhaven, das in dieser Spielzeit schwerpunktmäßig Werke von Frauen aufs Programm gesetzt hat, und das Staatstheater Darmstadt, das eine ganze...
