Beflügelte Seele
Gut sieht sie aus, die «alte Frau», wie sie da aus der Tür des Riesenkarpfens, der (auch) ein Haus darstellt, heraustritt, neugierig, wer da wohl geklopft hat. Eine Dame, könnte man meinen. Doch schon die ersten Worte und Töne verwandeln dieses wunderliche Wesen in ein keifendes Weib, das den beiden Menschen, die frierend und zitternd vor ihr stehen – in größter Sorge, weil sie ein Dach über dem Kopf benötigen, und sei es nur für eine Nacht – unmissverständlich erklärt, sie habe kein Zimmer zu vermieten «für Leute wie euch».
Schleudert es ihnen ins Gesicht und knallt die Tür wieder zu.
Fünf Minuten und kurz danach weitere zwei, länger dauert der Auftritt nicht, den Hanna Schwarz in der Opernballade «Sleepless» von Peter Eötvös an der Berliner Staatsoper hat. Dann ist die «alte Frau», die sie faszinierend spielt und mit ihrer unvergleichlich sonoren, hintergründig tiefen Altstimme auch so singt, aus dem Leben geschieden. Nicht eben elegant allerdings. Asle, der Mörder aus Not und ohne Gewissen (drei Menschen tötet er allein im ersten Akt), zwingt sie mit einer Axt in der Hand dazu, in einen Kühlschrank zu steigen, dann stellt er sich davor und hält die Tür so lange zu, bis die ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Jürgen Otten
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