Aus dem Schmutz

Berg: Lulu an der Oper Frankfurt

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Wie oft wurde die Psyche dieser Frau nicht schon durchgecheckt. Meist von Männern, die an ihr das Mysterium Frau zu ergründen suchten, indem sie die Figur psychologisch zergliederten und ihr die unterschiedlichsten Diagnosen an die Stirn hefteten. Lulu ist vermutlich das meistanalysierte Geschöpf der Operngeschichte. In der Inszenierung von Nadja Loschky an der Oper Frankfurt ist es einmal andersherum: Hier liegen die Männer auf der Psycho-Couch.

All jene, die sich an Lulu vergangen, sie missbraucht, vergewaltigt, erniedrigt, beschmutzt, fetischisiert, erpresst und schließlich ermordet haben. Woran krankt es in den Köpfen dieser Täter? Während diese Frage auf der Bühne verhandelt wird, kann Lulu das sein, was sie in allererster Linie ist: eine Frau, die leidet und trotzdem versucht, irgendwie ihren Weg zu gehen.

Katharina Schlipf hat ein Bühnenbild geschaffen, das sterile Macht ausstrahlt und vielfältig deutbar ist – als Zirkusarena, Luxusvilla, Vestibül, Absteige oder Gefängnis. Hohe, weiße Wandelemente, die verschiebbar ineinandergreifen, bilden einen kreisrunden Raum, dessen weiße Tapeten von einer grau-bräunlichen Schmutzschicht überzogen sind. Auch die in hellem Beige gehaltenen Kostüme, die Irina Spreckelmeyer in der Entstehungszeit des Stücks verortet, tendieren ins Schmutzige. Im Prolog, den Kihwan Sim kraftgeladen deklamiert, wird die Ur-Lulu (ausdrucksvoll verkörpert von der Tänzerin Evie Poaros) aus einem Schlammloch gezerrt und dreckverschmiert dem Publikum vorgeführt. Lulu, das wird schnell deutlich, ist hier nicht nur Projektionsfläche männlicher Phantasie, sondern Symptomträgerin einer kranken patriarchalen Gesellschaft. An ihr haften wie eine blutdurchtränkte Dreckkruste die niedrigen sexuellen Gelüste und Perversionen der Männer, die von ihr besessen sind.

Auch wenn die Sopranistin Brenda Rae mit ihrem perfekt geführten Sopran, der in der Höhe silbrig funkelt, als Lulu alle Blicke auf sich zieht, behält die Personenregie jene Männer, die für Lulus Untergang verantwortlich sind, konsequent im Fokus. Den Maler (Theo Lebow mit bissigem Tenor), der sie in seinem Atelier vergewaltigt, Schigolch (mit allen dunklen Facetten: Alfred Reiter), der sie schon als Kind missbraucht hat, den Kammerdiener (spielgewandt: Michael Porter), der sich in abartigen Erotikphantasien ergeht, den Athleten (erneut Kihwan Sim), der sie erpresst. Besondere Macht über Lulu besitzt Dr. Schön (mit brutaler Stimmgewalt: Simon Neal), der sie heftig begehrt und doch wegwerfen will (und am Schluss fast einen Femizid begeht, würde Lulu ihn nicht in Notwehr töten). Nur folgerichtig, dass der Bariton auch den Frauenmörder Jack the Ripper verkörpert, dem Lulu am Ende der Oper zum Opfer fällt. Auch Lulus letzter Geliebter Alwa (herausragend in seiner dramatischen Strahlkraft: AJ Glue -ckert) und die lesbische Gräfin Geschwitz (eindringlich: Claudia Mahnke), wirken schwach und selbstbezogen.

Diese Lesart bedeutet allerdings nicht, dass sich die Inszenierung in anklagender Düsternis verliert. Im Gegenteil: Ihre besondere Stärke liegt darin, dass sie offen bleibt für die mythische Dimensionen des Stoffs. Dabei gelingen Bilder von irisierender Schönheit. Etwa wenn die Gestalt der Ur-Lulu plötzlich im Garderobenspiel aufleuchtet oder die grazile Tänzerin wie ein Totenengel zur Statue erstarrt. Auch Lulus paillettenglitzerndes Kleid und ihre roten Strümpfe entwickeln immense Leuchtkraft. Dasselbe gilt für die Musik. Deren Farben lässt Thomas Guggeis so klar aus dem Orchestergraben dringen, dass sie fast zu blenden scheinen. Bergs Partitur mit ihrem Hang zur Symmetrie erstrahlt wie ein buntes Mosaik, formvollendet konstruiert und doch voller Glut und Lebendigkeit. Das Formale bleibt hier nicht abstrakt, sondern entfaltet eine zwingende emotionale Sogkraft. Und das ist so beglückend wie verstörend.

Premiere: 3. November, besuchte Vorstellung: 7. November 2024
Musikalische Leitung: Thomas Guggeis
Inszenierung: Nadja Loschky
Bühnenbild: Katharina Schlipf
Kostüme: Irina Spreckelmeyer
Licht: Jan Hartmann
Solisten: Brenda Rae (Lulu), Simon Neal (Dr. Schön/Jack the Ripper), AJ Glueckert (Alwa),Claudia Mahnke (Gräfin Geschwitz), Theo Lebow (Maler/Freier), Kihwan Sim (Tierbändiger/Athlet), Alfred Reiter (Schigolch) u. a.
www.oper-frankfurt.de


Opernwelt Januar 2025
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Silvia Adler

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