Kontrollverlust
ZUKUNFTSMUSIK
Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.
What would you do if you knew that this was the last night of the world?» Diese Frage steht im Mittelpunkt der Kammeroper des katalanischen Komponisten Agustí Charles und seines Librettisten Marc Rosich. Sie stellt die Essenz des Stücks dar und appelliert an die wirklich «wichtigen Dinge» dieses und allen potenziellen Lebens. Denn ein Traum kündigt das Ende der Welt an. Sieben Paare suchen ihren Weg durch den letzten Abend der Erde. Sie durchleben Gefühle der Verdrängung, des Haderns, der Furcht, Hoffnung, Wut, Resilienz und Akzeptanz.
Doch nicht nur die Charaktere des Stücks fordert die Fokussierung auf das «Wichtige», die Demut vor dem Leben, vor der Natur und die Wahrung unserer Grenzen heraus. Auch das Publikum wird aufgefordert, sich und das urmenschliche Streben zu hinterfragen, das uns immer höher und weitertrieb, beflügelt von dem Verlangen nach Einfluss und Kontrolle. So wird in dem Auftragswerk für das Staatstheater Augsburg nicht nur Ray Bradburys gleichnamige Kurzgeschichte als Oper verarbeitet, sondern auch zahlreiche Motive aus weiteren seiner dystopischen Werke wurden in das Stück eingeflochten. Anhand der Figuren spannt Jorinde Keesmaat exemplarisch ein Kaleidoskop ...
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Opernwelt Januar 2025
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Tamara Yasmin Quick
Etwa so groß wie eine Schulaula ist der runde Theatersaal, wo an einem herbstlichen Nachmittag die Wiederaufnahme von Engelbert Humperdincks «Hänsel und Gretel» Premiere hat. Die Reihen sind an diesem Sonntag Nachmittag fast voll besetzt, und die Bestuhlung ist so eng, dass man höllisch aufpassen muss, dem Sitznachbarn nicht in die Rippen zu boxen oder dem...
Wieviel Feinheit verträgt die Kunstform Oper? Charles Gounod schrieb für «Roméo et Juliette» eine außerordentliche Musik: gelehrt in der Verwendung traditioneller polyphoner Techniken, gediegen in ihrem wohltönenden, kunstvoll ausbalancierten Stimmensatz, raffiniert in der Aufbietung aparter Klangeffekte. Vom «großen Pinsel» machte Gounod ungern einmal Gebrauch, er...
Händel hat sie alle geliebt – die Eifersüchtigen und die Neidhammel, die Tyrannen und die Spieler, die Koketten und die Intriganten. Deswegen bekommt jede seiner Opernfiguren mindestens ein Arienjuwel von ihm geschenkt. In der Oper «Alcina» gibt es viele Juwelen, viele Figuren, und eine leidet herrlicher als die andere: die Zauberin und der von ihr manipulierte...
