Aus dem Glutkern der Songs

Er hat in Sankt Petersburg, Moskau, Stuttgart und Berlin erfolgreich Oper inszeniert. Im September und Oktober wollte er in Zürich die Proben zu seiner Neuinszenierung von Mozarts «Così fan tutte» leiten. Doch seit August wird der Kreml-kritische Regisseur Kirill Serebrennikov von der russischen Justiz in seiner Moskauer Wohnung festgehalten. Der bis heute nicht belegte Vorwurf: Serebrennikov soll Fördergelder für das von ihm geleitete Gogol-Theater-Zentrum veruntreut haben. Nun läuft sein neuer Film in den Kinos an – «Leto», eine poetische Hommage an die musikalische Subkultur in der späten Sowjetunion. Sergio Morabito, designierter Chefdramaturg der Wiener Staatsoper, hat den Film für uns angeschaut

Ich besuche Kirill Serebrennikov Anfang August 2017 in Kronstadt. Im ehemaligen Kulturhaus der Baltischen Flotte dreht der Regisseur Sequenzen seines neuen Films.

Weniger ihm als seiner engsten Mitarbeiterin steht der Stress der vergangenen Monate ins Gesicht geschrieben, auch die Stinkefinger-Brosche an ihrem Kleid kann darüber nicht hinwegtäuschen: Als der Regisseur eine propagandistische Zusammenarbeit mit dem System ablehnte, hatte man zunächst versucht, sein Theater, das heute schon legendäre Gogol-Zentrum, finanziell auszutrocknen, was an der Treue des Publikums und am Engagement von Mäzenen scheiterte. Daraufhin legte man ihm – ebenso erfolglos – nahe, von der Theaterleitung zurückzutreten. Im Mai war mit einer Serie von Hausdurchsuchungen die nächste Eskalationsstufe erreicht, im Rahmen sogenannter Ermittlungen, die die Geschäftsführung des von Serebrennikov vollumfänglich und höchst erfolgreich realisierten Platforma-Projekts zur Popularisierung zeitgenössischer Kunst ins Visier nahmen. Es war klar, dass man den Sack schlägt, um sich zum Esel vorzuarbeiten.

Wenige Tage nachdem ich mich von Kirill verabschiedet habe, belastet ihn eine Buchhalterin, die entsprechend unter ...

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Opernwelt November 2018
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Sergio Morabito

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