Auferstanden aus Ruinen
Sah man’s je? Da sitzen Veit Pogner und Hans Sachs beim anfänglichen Gemeindechoral in der ersten Reihe, lehnt Eva nervös an einem Gerüst, auf dem Stolzing sich verbirgt. Zweimal während des frommen Gesangs kann Sachs es nicht lassen und blickt, quasi über die Schulter, zu Eva herüber, als ahne er nichts Gutes. Auf der anderen Seite späht David nach seiner Lene und umgekehrt. Bei der Kollekte steckt Pogner einen Schein in den Klingelbeutel, Sachs eine Münze. In den ersten paar Minuten dieser Zürcher «Meistersinger» klären sich die Voraussetzungen des Spiels.
Wie der Regiesenior Harry Kupfer das bewerkstelligt, beinahe nebenbei, ganz ohne Wink mit dem Zaunpfahl – sah man’s wirklich je?
Oder diese Winzigkeit: Da versetzt der Lehrbub, nachdem er sein Johannes-Verslein vorgetragen hat, seinem Meister einen beinahe kumpelhaften Klaps – und erschrickt selbst dabei. Da, merkt man ihm an, ist er denn doch zu weit gegangen. Sachs freilich nimmt’s gelassen. Dies vielleicht noch: Wie Eva, begeistert von Stolzings Preishymnus, aufspringt, ihm entgegenläuft und der blamierte Beckmesser sich am Rande wegdrückt, total geknickt. Diese und viele andere, fast versteckte Momente sind Indizien, die ...
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Katastrophal. Man hört dieses Wort oft, wenn man derzeit mit Theaterleuten in Mecklenburg-Vorpommern spricht. Zu oft, um es als Jammerruf oder Panikmache empfindlicher Künstlerseelen abzuhaken. Es sieht tatsächlich nicht gut aus für die Bühnen zwischen Stralsund und Greifswald, Schwerin und Rostock, Neubrandenburg und Anklam. Anfang der neunziger Jahre hat das Land...
Am allerfremdesten bei Bellinis für uns heute so fremder Musik ist ihr Umgang mit der Zeit. Die Zeit spielt klingend nämlich überhaupt keine Rolle. Zumindest die dramatische Zeit, also diejenige, die den Ablauf der Handlung bestimmt. Wenn sich die Ereignisse auf der Bühne zuspitzen, spitzt die Musik überhaupt nichts mit. Sie ergeht sich in elegischem Stillstand....
Es ist eine wechselhafte Beziehung, die das Wiesbadener Opernpublikum mit Dietrich W. Hilsdorf verbindet: Seit 1986 inszeniert der Regisseur am Hessischen Staatstheater, nach einer neunjährigen Pause ist er seit Beginn der Intendanz von Manfred Beilharz 2002 wieder regelmäßig zu Gast in Schauspiel und Oper. Hilsdorfs Arbeiten sind von einer erstaunlichen...
