Aufenthalt im Unwillkürlichen
In einem Essay aus dem Jahr 1978 mit dem Titel «Ins eigene Fleisch» entwirft Wolfgang Rihm das idealische Wesen und Sein seiner ästhetischen Existenz. Und er tut dies mit einer Selbstverständlichkeit, die das Übermäßig-Unbotmäßige seines Komponierens schon zu diesem relativ frühen Zeitpunkt evoziert: «Ich habe die Vorstellung eines großen Musikblocks, der in mir ist. Jede Komposition ist zugleich ein Teil von ihm als auch eine in ihn gemeißelte Physiognomie. Dieser Block ist einer starken Erosion ausgesetzt.
Der Spalt- und Modelliervorgang, der Bild und Negativbild hervorbringt, ist der kompositorische Akt: ein Faden aus Zeit.» Als er das schreibt, knüpft Rihm diesen Faden bereits mit erheblicher Souveränität und dem Gespür für die gesellschaftliche Relevanz seines Tuns. Ein Werk wie «Dis-Kontur» von 1974 etwa greift ganz bewusst bundesrepublikanische Realität auf, ahnt klingend, dass der deutsche Herbst bevorsteht, skizziert (und kommentiert) die aufgebrachte Stimmung im ganzen Land («Alles zittert von verhaltener oder ertragener Gewalttätigkeit») und lässt an Adornos Einschätzung (aus der «Ästhetischen Theorie») denken, dass nämlich «zur Selbstverständlichkeit wurde, dass nichts, ...
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Opernwelt März 2022
Rubrik: Essay, Seite 34
von Jürgen Otten
Über die Liebe ist schon manch Klug-Erhellendes, Poetisch-Verdichtetes (und, ja, auch Staunenswertes) geschrieben worden. Eine der schönsten Charakterisierungen aber finden wir in der Bibel, im ersten Korintherbrief, Kapitel 13, Vers 4 bis 7: «Die Liebe ist langmütig und freundlich», heißt es da, «die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet...
Herr Carp, Sie haben gerade an Ihrem Haus Massenets «Manon» inszeniert. Ihre fünfte Musiktheaterinszenierung. Welche Qualitäten muss ein Stück mit Musik haben, um Sie als Schauspielregisseur anzusprechen?
Sehr schwierige Frage … Es ist ganz spezifisch, wie auch bei Dramen. Das einzige Kriterium, das ich nennen könnte: Es muss Menschen erzählen. Oder ich muss das...
Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, jedenfalls nicht eins zu eins. Aber analoge Situationen lassen sich immerhin beobachten, zumindest nachträglich konstruieren. Vor gut 100 Jahren, mit Ende des Ersten Weltkriegs, führte mancherlei Not zu allerlei produktiven Provisorien. Auf die Opulenz von Hofmannsthals und Strauss’ «Frau ohne Schatten» folgte Strawinskys...
