Auf schmalem Grat

Die Oper Köln braucht, um ihre Zukunft zu sichern, eine öffentliche Debatte, bevor es zu spät ist. Ein Plädoyer

Eine Jubiläumspremiere der besonderen Art. Auf den Tag genau 100 Jahre nach der Uraufführung kam Korngolds «Die tote Stadt» am 4. Dezember 2020 an der Oper Köln heraus. Es war mehr als eine Verbeugung vor der großen Tradition des Hauses (1920 hatte der damalige Musikchef Otto Klemperer dirigiert, auch wenn er das Stück nicht mochte). Nein, diese Premiere – Corona geschuldet vor leerem Saal, aber live gestreamt – näherte sich dem süffigen Opernthriller aus dem Geist einer mehrfach gebrochenen Gegenwart.

So souverän Gabriel Feltz mit dem Gürzenich-Orchester Sinnlichkeit und Klangfarbenstruktur der Musik zu verbinden wusste, so nachdrücklich und nachdenklich mischte Tatjana Gürbaca in ihrer Inszenierung Innen- und Außenräume, psychologischen Feinschliff und Effekte des Film noir. Von Edward Hoppers Einsamkeitselegien bis zu Hitchcock («Vertigo») und David Lynch war da vieles angedeutet (Bühne: Stefan Heyne, Videos: schnittmenge.de), verdoppelte jedoch keineswegs den Redefluss der Musik, sondern widersprach ihm, setzte auf atmosphärische Distanz und sorgte damit für ungewohnte Erlebnisperspektiven. So viel war selbst am Bildschirm klar.

Trotzdem ist die Zukunft der Oper Köln ...

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Opernwelt Februar 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 24
von Stephan Mösch

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