Intensitäten
Francis Poulencs vierzigminütiger Monolog «La voix humaine» ist eine Tour de force für eine Sopranistin. Auf der Szene dieser 1959 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführten dritten und letzten Oper des großen französischen Lyrikers steht nur eine einzige Person, eine namenlose, «Elle» («Sie») genannte junge Frau. Ihr Geliebter hat sie verlassen. In einem beklemmenden, oft unterbrochenen Telefongespräch unternimmt sie einen letzten, verzweifelten, von vornherein vergeblichen Versuch, ihn zur Rückkehr zu bewegen.
Wir hören in diesem Dialog mit dem abwesenden Partner allein ihre eigene Stimme; seine Äußerungen und sein Verhalten können wir nur an ihren Reaktionen ablesen. Am Ende bricht der Mann die Verbindung ab, und die Verschmähte lässt den Hörer fallen.
Poulenc hat Jean Cocteaus in der Alltagssprache verfassten Text mit höchster Sensibilität in seiner Musik nachgezeichnet. Er erfasst die psychische Labilität dieser zwischen Angst und Hoffnung, Euphorie und Selbstmord schwankenden Frau mit psychologischer Genauigkeit. Immer wieder bricht die mit Pausen, Fermaten und Rubati durchsetzte Musik ab, und doch ist das fragmentarische Geflecht der Partitur das Gegenteil einer ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Uwe Schweikert
Was den Menschen fasziniert, sei es ein Naturwunder, außerirdische Phänomene oder (im günstigsten Fall) ein anderes Menschenkind, führt ihn meist über sich selbst hinaus. Faszination ist dann womöglich eine transzendentale Erfahrung, und vermutlich geschieht das, was Maurice Blanchot in einem philosophisch begründeten Satz zusammengefasst hat: «Wer auch immer...
Claudio Monteverdi, bekannte John Eliot Gardiner vor einigen Jahren im Gespräch mit dieser Zeitschrift, bleibe für ihn «der Maßstab schlechthin» (OW 12/2016). Wie maßstabsetzend Aufführungen von dessen Werken unter seiner Leitung bleiben, ließ zuletzt der Zyklus mit den drei erhaltenen Opern hören, für den Gardiner 2018 zum «Dirigenten des Jahres» gewählt wurde.
A...
Auch nach zweimaligen Lesen staunt man ungläubig: Die spielen das Stück tatsächlich dort. Im ehemaligen Augsburger Gaswerk, wo die Brecht-Bühne des Staatstheaters beheimatet ist. Normalerweise wäre das nicht weiter erwähnenswert, doch auf dem Spielplan steht «Das Tagebuch der Anne Frank». Und bevor das Kopfschütteln überhandnimmt, geht die Inszenierung von Nora...
