Intensitäten
Francis Poulencs vierzigminütiger Monolog «La voix humaine» ist eine Tour de force für eine Sopranistin. Auf der Szene dieser 1959 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführten dritten und letzten Oper des großen französischen Lyrikers steht nur eine einzige Person, eine namenlose, «Elle» («Sie») genannte junge Frau. Ihr Geliebter hat sie verlassen. In einem beklemmenden, oft unterbrochenen Telefongespräch unternimmt sie einen letzten, verzweifelten, von vornherein vergeblichen Versuch, ihn zur Rückkehr zu bewegen.
Wir hören in diesem Dialog mit dem abwesenden Partner allein ihre eigene Stimme; seine Äußerungen und sein Verhalten können wir nur an ihren Reaktionen ablesen. Am Ende bricht der Mann die Verbindung ab, und die Verschmähte lässt den Hörer fallen.
Poulenc hat Jean Cocteaus in der Alltagssprache verfassten Text mit höchster Sensibilität in seiner Musik nachgezeichnet. Er erfasst die psychische Labilität dieser zwischen Angst und Hoffnung, Euphorie und Selbstmord schwankenden Frau mit psychologischer Genauigkeit. Immer wieder bricht die mit Pausen, Fermaten und Rubati durchsetzte Musik ab, und doch ist das fragmentarische Geflecht der Partitur das Gegenteil einer ...
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Opernwelt April 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Uwe Schweikert
Leise rieselt der Schnee. Unablässig, dichter und dichter werdend, eine Stunde lang. Die Figuren müssen sich in dieser Winterlandschaft vorkommen wie der brave Hans Castorp aus Thomas Manns «Zauberberg», der sich bei einem Ausflug ins Gebirg’ zusehends verirrt und von den Schneemassen fast zugeschüttet wird. Eine Grenzerfahrung birgt auch Romeo Castelluccis...
Genieflammen zucken da und dort […] Wenn Mozart nicht eine im Gewächshaus getriebene Pflanze ist, so muss er einer der größten Komponisten werden, die jemals gelebt haben.» Dies prophezeite der streitbare, selbst komponierende Journalist und Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart 1775 in seiner «Deutschen Chronik» nach der Münchner Uraufführung von Mozarts «La...
Wer Barcelona für eine Stadt in Spanien hält, der weiß spätestens nach einem Besuch dort, dass dies nicht ganz richtig ist: Barcelona liegt in Katalonien – und dieser Umstand kommt vor allem in Sachen Kultur zum Ausdruck. Dies mag aus deutschen Landen stammende Menschen vielleicht eher befremden, denn mit Termini wie «Nationalstolz» oder «Volksheld» haben wir aus...
