Assoziationen, Beziehungen, Analysen
Ian Bostridge ist nicht der erste Liedersänger, der sich als Autor profiliert. In Lotte Lehmann, Charles Panzéra, Aksel Schiøtz, Pierre Bernac und nicht zuletzt Dietrich Fischer-Dieskau hat er prominente Vorgänger, die sich auch schriftstellerisch mit dem Gegenstand ihrer Kunst befasst haben. Dabei kommt es dem englischen Tenor nicht so sehr darauf an, seinem Publikum zu erklären, was er als Sänger tut.
Gewiss greift er auf die Erfahrungen eines Künstlers zurück, der Schuberts «Winterreise» während der letzten 20 Jahre mehr als 100-mal im Konzert gesungen hat und dadurch immer tiefer in die musikalischen Geheimnisse, die emotionalen Abgründe, aber auch die existenziellen Voraussetzungen dieser Lieder eingedrungen ist. Doch sein Hauptinteresse gilt dem Ziel, das kulturgeschichtliche Beziehungsnetz hinter den einzelnen Liedern des Zyklus zu entschlüsseln – seine Ursprünge, seinen historischen Kontext, die vielfältig nuancierten Stimmungen und Gefühle freizulegen und ihn biografisch, literarisch, politisch, psychologisch von allen Seiten zu beleuchten. Der Leser benötigt keine musikwissenschaftliche Vorkenntnisse. Er sollte nur eine der vielen Aufnahmen des Zyklus – ich empfehle ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Uwe Schweikert
Welk sind die Blätter, Eis deckt die Seen, traurig ziehen die Vögel gen Süden. Traurig, denn der Norden ist ihre Heimat, seinem Himmel gilt ihre Sehnsucht. Jean Sibelius veröffentlichte das Lied «Norden» im Jahr 1917 als erstes seiner sechs Lieder op. 90. Ein schwedisches Gedicht seines Lieblingsautors Johan Ludvig Runeberg liegt ihm zugrunde. Es steht für alles,...
Der Mann im rotbraunen Samtsakko mit Fliege zündet sich zum Schluss genüsslich einen Glimmstengel an und hört mit sarkastischem Lächeln, wie die anderen ihn verabschieden. «Questo è il fin di chi fà mal», dies sei das Ende von jemandem, der Böses tue, behaupten sie. Weswegen der Mann im Samtsakko (es ist, erraten, Don Giovanni) sie dann auch in den Orkus schickt....
Es wäre ein bisschen zu einfach, wenn man sagen würde, dass «Il viaggio a Reims» und Christoph Marthalers Theaterästhetik gut zusammenpassen, weil die Menschen in Rossinis dramma giocoso auf eine Reise warten, die nie stattfindet, und weil Marthaler nun einmal der Regisseur ist, der aus dem Warten eine Kunstform gemacht hat. Nein, eigentlich war es ja der...
