Bildersturm im Oberstübchen
Die Verklärung der Heiligen hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Als Ikone der Nation wurde sie in Frankreich nicht nur von Katholiken und Monarchisten, sondern auch von Republikanern und Sozialisten verehrt. Jeder pickte sich heraus, was zur eigenen politischen Agenda passte: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Königstreue, Kampfesmut, Volksnähe – an den Mythos der Jeanne d’Arc, des taffen Bauernmädels aus Lothringen, das den Franzosen im Hundertjährigen Krieg einen wundersamen Sieg über die Engländer bescherte, kann jedes Lager andocken. Bis heute.
Derzeit wird die legendäre Gestalt vornehmlich vom Front National ausgeschlachtet, als Symbol eines heroischen Widerstands gegen die vermeintliche Überfremdung der Grande Nation. Die Schlacht um die Deutungshoheit über die Jungfrau von Orleans ist wieder einmal voll entbrannt.
Voltaires berühmte satirische Verarbeitung des Stoffes («La Pucelle d’Orleans») oder Schillers «romantische Tragödie», aus der Temistocle Solera das krude Libretto für Verdis «Giovanna d’Arco» schusterte, spielen dabei natürlich kaum eine Rolle. Umgekehrt sind die ideologischen Vereinnahmungen dieser Reizfigur, ihre zeichenhafte Überformung selten Thema, wenn sie es ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Albrecht Thiemann
Sie ist die vergnügungssüchtige Schwester der Grand Opéra: die féerie. Um 1810 kamen die pompösen Märchenspektakel in Mode, eine letzte Blüte erlebte das Genre zu Beginn der politisch bewegten 1870er-Jahre, als sich das französische Publikum nur zu gern in bunte Traumwelten flüchtete. Die féerie setzt vor allem auf optische Reize und die Tricks der...
Die Gedanken sind frei. Sie fliehen, wie man weiß, vorbei wie nächtliche Schatten. Und so darf man wohl entschuldigen, dass uns während der Aufführung von Brittens «Peter Grimes» im Theater an der Wien ausgerechnet Karl Valentin in den Sinn kommt. Der bemerkte einmal hintersinnig: «Heute besuche ich mich selbst. Ich bin schon neugierig, ob ich zu Hause bin ...» Wir...
Hatte sie schon etwas geahnt? Die Gegenwart des Todes gespürt? Als Stella Doufexis im Mai 2011 Hector Berlioz’ sonnenbronzene Orchesterlieder «Les nuits d’été» aufnahm, stand sie mitten im Leben. Doch aus dem ranken Körper strömten Töne von so tief empfundener, herbsüßer Melancholie, dass einem beim Wiederhören Tränen in die Augen schießen. Jetzt, nachdem sie gehen...
