Bildersturm im Oberstübchen
Die Verklärung der Heiligen hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Als Ikone der Nation wurde sie in Frankreich nicht nur von Katholiken und Monarchisten, sondern auch von Republikanern und Sozialisten verehrt. Jeder pickte sich heraus, was zur eigenen politischen Agenda passte: Gottesfurcht, Frömmigkeit, Königstreue, Kampfesmut, Volksnähe – an den Mythos der Jeanne d’Arc, des taffen Bauernmädels aus Lothringen, das den Franzosen im Hundertjährigen Krieg einen wundersamen Sieg über die Engländer bescherte, kann jedes Lager andocken. Bis heute.
Derzeit wird die legendäre Gestalt vornehmlich vom Front National ausgeschlachtet, als Symbol eines heroischen Widerstands gegen die vermeintliche Überfremdung der Grande Nation. Die Schlacht um die Deutungshoheit über die Jungfrau von Orleans ist wieder einmal voll entbrannt.
Voltaires berühmte satirische Verarbeitung des Stoffes («La Pucelle d’Orleans») oder Schillers «romantische Tragödie», aus der Temistocle Solera das krude Libretto für Verdis «Giovanna d’Arco» schusterte, spielen dabei natürlich kaum eine Rolle. Umgekehrt sind die ideologischen Vereinnahmungen dieser Reizfigur, ihre zeichenhafte Überformung selten Thema, wenn sie es ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Albrecht Thiemann
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Der Mannheimer Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch hat ein Buch geschrieben, das das Richard-Wagner-Jubel-Jahr 2013 geziert hätte. Indirekt entlarvt es im Nachhinein viele der kalkuliert zum 200. Geburtstag entstandenen Publikationen als Schnellschüsse, als muskelschlaffe biografische Klimmzüge: Wagners Frauen, Wagner als Revoluzzer, Wagner «Mit den...
Welk sind die Blätter, Eis deckt die Seen, traurig ziehen die Vögel gen Süden. Traurig, denn der Norden ist ihre Heimat, seinem Himmel gilt ihre Sehnsucht. Jean Sibelius veröffentlichte das Lied «Norden» im Jahr 1917 als erstes seiner sechs Lieder op. 90. Ein schwedisches Gedicht seines Lieblingsautors Johan Ludvig Runeberg liegt ihm zugrunde. Es steht für alles,...
