Anverwandlungen

Véronique Gens durchforstet das 19. Jahrhundert nach weiblichen Visionen

Opernwelt - Logo

Seien wir ehrlich. Bei einem Blindtest hätten viele von uns vermutlich falsch gelegen. Kaum jemand kennt das Stück, und auch mit Werden und Wirken seines Schöpfers sind nur Eingeweihte vertraut. Was betrüblich ist, allein wegen dieser einen Szene in Benjamin Godards «Les Guelfes» von 1882, Jeannes Vision. Ein Psychogramm der entflammten Frau, acht Minuten lang, genügend Zeit, um divergenteste Gemütszustände zu streifen, und dies mit einer atemraubenden, verstörenden Intensität.

Zunächst ist da nur eine Vorahnung inmitten blühender Klanglandschaften (Hervé Niquet und das Münchner Rundfunkorchester «untermalen» exzellent), ein leiser Zweifel: «Nichts möge mein Entzücken stören, dennoch zittre ich», singt Godards weibliche Hauptfigur mit dem beziehungsreichen Namen Jeanne; an den nervösen Zuckungen der melodischen Linie, am Vibrieren der Singstimme kann man ersehen, wie unruhig sie ist. Zu Recht. Mehr und mehr verwandelt sich das espressivo dolce als Inbegriff naturhafter Schönheit in ein Gefühl des Ausgeliefertseins, weicht die Seelenfreude der Seelenbetrübnis. Wogegen sich Jeanne mit ungestüm ausgreifenden Kantilenen, passioniert, ja geharnischt zur Wehr setzt. Sturm und Drang, nur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2017
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Kommt ins Offene, Freunde!

Das Kreischen der U-Bahn? Einfach ausgeblendet. Intime Unterhaltungen verschwitzter Fremder? Weg. Auf Knopfdruck verwandelt sich die Höllen-Soundscape in weise Worte. Oder Stille. Oder zu Janáček – was sich die jungen Leute eben so auf die Ohren knallen. Natürlich können längst auch viele dasselbe hören, kabellose Übertragungstechnik macht’s möglich. So lassen sich...

Der letzte Mohikaner

Vor vielen Jahren erregten zwei steile Kritiker-Sätze einigen Unmut: «Erst wenn meine Rezension erschienen ist, hat die Sache überhaupt stattgefunden.» Und: «Es gibt in einem Artikel nur eine wirklich wichtige Information: der Name des Autors.» Der diagnostische Bannfluch folgte prompt: eitle Hybris. Ganz falsch war das natürlich nicht – aber auch nicht unbedingt...

Mal ehrlich Juli 2017

Zu einem Auftritt an der Met habe ich’s nie gebracht. Ich glaube auch kaum, dass es noch dazu kommt. Macht nichts; wahrscheinlich kämen wir, die Met und ich, ohnehin nicht miteinander aus. Ich habe mir da das eine oder andere angesehen: Stets schien mir das Publikum sehr betagt und konservativ. Wer nicht schon nach ein paar Takten selig schlummerte, beschwerte sich...