Ansichten eines Barfußindianers
Jossi Wieler lächelte, milde, fast so, als habe er sogar ein wenig Verständnis für diese Wutbürger vorwiegend in den oberen Rängen, die sich bei der Applausordnung nach der Premiere ereiferten, um ihr geharnischtes Unverständnis über das gerade Gesehene herauszubrüllen. Grund genug für diese clemenza hatte Wieler jedenfalls, in dessen Regieboot diesmal neben seinem ständigen Mitstreiter Sergio Morabito auch noch die Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock saß.
Denn einer «Schuld», wie auch immer man sie definieren mochte, konnte das Dreigestirn sich wahrlich nicht bewusst werden – außer der vielleicht, dass diese «Meistersinger von Nürnberg» an der Deutschen Oper Berlin nicht unbedingt das waren, was ein heißblütiger Wagnerianer sich gemeinhin darunter vorstellt.
Was die Gemüter hochkochen ließ? Vermutlich die «Werktreue», die sie sträflich vermissten. Doch wo und wie lange man auch nach Indizien sucht, man findet kein Vergehen. Wieler, Morabito und Viebrock haben den Text nur auf ihre Art, dabei aber sehr präzise gelesen und in ein modernes semantisches Gewand gehüllt. Und sie haben Wagner selbst beim musikalischen Wort genommen, das Dirigent Markus Stenz – trotz einiger ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Jürgen Otten
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Der Ort ist überwältigend, die reine Natur: unberührt-malerische Landschaft. Das Gebäude hingegen wirkt wie ein Fremdkörper in diesem Idyll, geradezu abstoßend hässlich. Ein schwarzer, mit Bauxit überzogener Betonklotz, Sprayer haben ihre Graffiti-Spuren darauf hinterlassen, und wenn man sich ihm mit tastenden Schritten über die Hügel von Bouches-du-Rhône nähert,...
