Ansichten eines Barfußindianers
Jossi Wieler lächelte, milde, fast so, als habe er sogar ein wenig Verständnis für diese Wutbürger vorwiegend in den oberen Rängen, die sich bei der Applausordnung nach der Premiere ereiferten, um ihr geharnischtes Unverständnis über das gerade Gesehene herauszubrüllen. Grund genug für diese clemenza hatte Wieler jedenfalls, in dessen Regieboot diesmal neben seinem ständigen Mitstreiter Sergio Morabito auch noch die Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock saß.
Denn einer «Schuld», wie auch immer man sie definieren mochte, konnte das Dreigestirn sich wahrlich nicht bewusst werden – außer der vielleicht, dass diese «Meistersinger von Nürnberg» an der Deutschen Oper Berlin nicht unbedingt das waren, was ein heißblütiger Wagnerianer sich gemeinhin darunter vorstellt.
Was die Gemüter hochkochen ließ? Vermutlich die «Werktreue», die sie sträflich vermissten. Doch wo und wie lange man auch nach Indizien sucht, man findet kein Vergehen. Wieler, Morabito und Viebrock haben den Text nur auf ihre Art, dabei aber sehr präzise gelesen und in ein modernes semantisches Gewand gehüllt. Und sie haben Wagner selbst beim musikalischen Wort genommen, das Dirigent Markus Stenz – trotz einiger ...
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Opernwelt 8 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Jürgen Otten
Angela Merkels öffentliches Bekenntnis, sie lese in Zeiten neu gewonnener Freiheit vor allem Shakespeare und insbesondere dessen «Macbeth», hat zu Spekulationen darüber geführt, warum sie gerade dieses düstere Drama bevorzugt. Wollte sich die Altkanzlerin noch einmal vor Augen führen, wie Macht funktioniert?
Was ein fehlgeleiteter Wille zur Macht in Menschen...
Mit dem Zölibat hat Pater Grandier keine Probleme, er nimmt es gar nicht erst ernst. Schließlich gibt es da die wohlhabende Witwe, die nicht nur geistlichen Trostes bedarf oder die junge Philippe, die er schwängert und hernach – so bleibt es Brauch in der katholischen Kirche – verstößt. Nur mit einem hat er nicht gerechnet: dass er auch die unterdrückten Begierden...
Erklingt in diesen Tagen auf einer Opernbühne der «Patria-oppressa!»-Chor aus Giuseppe Verdis «Macbeth», dann «inszeniert» ein Diktator wie Wladimir Putin mit, ganz gleich, was dabei zu sehen ist. Verstärkt wird dieser unangenehme Eindruck noch, wenn, wie zu Sommerbeginn am Theater Freiburg, ein ukrainischer Regisseur das Stück zu deuten versucht. Andriy Zholdak...
