Angstmaschine
Da hockt der Gehörnte, grinst, glotzt, grimassiert. In Pelzmütze, halbnackt und starrend vor Schmutz. Als Samiel ist der Schauspieler Peter Moltzen fast immer auf der Szene in Michael Thalheimers Berliner «Freischütz»-Inszenierung. Ist er in diesem Höhlenschlund voll dürrer Zweige die Verkörperung der Instinkte, die uns umtreiben? Ängste, Triebe? Denn jeder ist hier mehr oder weniger im Bann des Dämons. Die einen krampfen dagegen an – ein Kräftezerren aus freiem Willen, der sich behaupten will, und Zwängen, die ihn beugen.
Max duckt sich über sein Gewehr und beißt ins Rohr, Agathe krümmt sich weg wie unter Bauchschmerzwellen. Andere sind Samiel schon verfallen und verhalten sich wie ferngesteuert. Kaspar wiederholt zwanghaft immergleiche Bewegungen. Ännchen trägt zwar ein heiter-osterglockengelbes Kleid, ist aber ein eisiges Geschöpf, das mit monströsen Riesenschritten über die Bühne eckt: Da reißt wohl Samiel an den Fäden seiner Marionette. Die Jungfern treten für ihr Liedchen der Reihe nach an wie Spieluhr-Automaten. Thal-heimer hat für seine Textfassung die Dialoge auf ein Minimum zusammengestrichen. Dass nun musikalisch Nummer auf Nummer knallt, verstärkt den Eindruck einer ...
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Opernwelt März 2015
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Wiebke Roloff
Zwischen den Laken tummeln sich die Marschallin und ihr junger Geliebter Octavian. Unterm Nachthimmel, im Liebesglück. Dann bricht die Außenwelt in ihre Zweisamkeit ein, fliegen Wände und Decke eines prachtvollen Salons heran. Die Vision der freien Liebe ist vorbei, die beiden erwachen im goldenen Käfig.
Mathis Neidhardts Bühnenbild ist das zentrale Element in...
Zunächst einmal: Diese «Lucia» ist so vollständig wie möglich. Kirill Petrenko lässt sich von keiner sogenannten Tradition irritieren, die mit dem Notentext so leichtfertig umspringt, als hätte Donizetti dramaturgische Nachhilfe nötig. Striche gibt es also nicht. Das Stück wird dadurch klarer und wirkt – trotz der längeren Spieldauer – kürzer als bei vielen...
Rossinis Tenorpartien galten lange Zeit als beinahe unsingbar: sehr hoch und überaus virtuos, mit einer an Verdi oder Puccini geschulten Stimme kaum oder gar nicht zu realisieren und auch für typische Mozartsänger weitgehend unzugänglich. Zu den spannenden Entwicklungen im Operngesang der letzten Jahrzehnte gehören die vielen ambitionierten Versuche von Tenören wie...
