Angst und Vernunft

Als Stan Nadolny 1983 den Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» schrieb, konnte er wohl kaum ahnen, wie aktuell dessen Leitmotiv noch einmal werden würde. Unsere Wirklichkeit ist entschleunigt, und je länger sie es ist, umso größer wird die Nervosität. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die dauerhaft einem unsichtbaren Feind ausgesetzt ist? Welche (archaischen) Reflexe sind zu beobachten? Und wie soll man das aushalten? Ein Essay

Angst ist ein schlechter Ratgeber, heißt es. Tatsächlich kann sie besonnenes Nachdenken, Abwägen, Urteilen verhindern. Doch vergessen wir nicht, dass Angst der erste Ratgeber der Menschheit war. Mehr noch: Sie ist die Elementarform von Gedächtnis. Etwas als Gefahr wahrnehmen heißt: Es erinnert an schon Erlebtes. «So etwas soll mir nicht noch einmal passieren», sagt die Angst. Sie hat als gedächtnisgestützter Gefahrenvermeidungsmechanismus begonnen. Vernunft ist kaum mehr als in Umsicht und Urteilskraft übersetzte Angst.

 

Vor Covid-19 Angst zu haben, ist völlig vernünftig. Das Virus erinnert an sämtliche Epidemien, die es schon gab: von der Pest bis zur Influenza im vergangenen Jahr. Es macht bewusst, was wir allzu gern verdrängen: dass die uralte Seuchenanfälligkeit immer noch nicht überwunden ist – trotz aller Hochtechnologie. Coronaviren gibt es schon lange. Aber Covid-19 ist anders als die anderen: hoch infektiös, für etliche Prozent der Infizierten tödlich und in seinen Eigenschaften noch viel zu wenig bekannt. Gefahren, die keine fassbare Gestalt annehmen, sind besonders angsterregend. Daran ist nichts Irrationales.

 

Berechtigten Anlass zur Angst geben auch die gravierenden ...

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Opernwelt Juli 2020
Rubrik: Focus Spezial, Seite 16
von Christoph Türcke