Anatomie der Melancholie

Das Theater war für ihn zeitlebens ein Ort der Wahrhaftigkeit. Ein Nachruf auf den Komponisten und Dirigenten Péter Eötvös

Opernwelt - Logo

Die Menschen in Tschechows Theaterstücken, die, beobachtet man sie bei ihrem Tun, weit mehr Menschen sind als nur Figuren auf einem imaginären Schachbrett, leiden fast ausnahmslos an einer Diskrepanz. Es ist die (gänzlich undialektische) Diskrepanz zwischen dem, was sie sich wünschen und wollen, und dem, was sie daraus zu machen imstande sind.

Das Leben, wenngleich es im Grunde als schön empfunden wird, erscheint ihnen allen doch zugleich wie ein «Ungeheuer, das uns verschlungen hat» (so beschreibt es Irina, die jüngste der «Drei Schwestern»), als etwas, das in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegt, die Gegenwart jedoch nie je wirklich streift. Werschinin, das Alter Ego Tschechows in «Drei Schwestern», bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: «Das Glück gibt es gar nicht, es gibt nur unseren Wunsch nach Glück.» Das ist die Diskrepanz. Und ein unaufhörliches Missverständnis.

Ein Missverständnis, allerdings eines der charmanten Art, war es auch, das Péter Eötvös zur Oper brachte. Eigentlich interessierte den Schüler der Antipoden Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann (die er während seines Studiums in Köln traf, um sich aber bald schon von beider Ästhetiken zu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2024
Rubrik: In Erinnerung, Seite 70
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Polytheismus in Tönen

Selbst Enthusiasten Neuer Musik horchen beim Namen von Reinhard Febel nicht sofort auf. Der in Metzingen geborene, bei Klaus Huber sowie am Pariser Elektronik-Studio IRCAM ausgebildete Komponist wirkte lange als Professor am Salzburger Mozarteum. Neben vielen orchestralen und vokalen Werken gab es immer wieder mal ein Musiktheater, meist an literarischen Stoffen...

Plakat als Prinzip

So viel gereckte Fäuste, wütend im Widerstand gegen eine verkehrte Welt. Später dann, am zweiten Abend des zweiteiligen, von Krystian Lada arrangierten Verdi-Pasticcios an Brüssels La Monnaie: so viel Pistolengefuchtel wie lang nicht mehr gesehen; schließlich geht es ja um die Geschichten von ein paar Männern und Frauen, damals, 1968, und 40 Jahre danach. Zwischen...

Revue des traurigen Irrsinns

Wolfgang Rihms Musiktheater «Die Hamletmaschine», 1987 in Mannheim uraufgeführt, hat immer Respekt erfahren, aber dazwischen verging jedes Mal sehr viel Zeit. Geradezu enigmatisch ist Heiner Müllers Textvorlage, immens der Aufwand. Nur wer zu beidem bereit ist – großen Aufwand für unlösbare Rätsel zu betreiben –, hat etwas davon. Zum Beispiel das Staatstheater...