Anatomie der Melancholie
Die Menschen in Tschechows Theaterstücken, die, beobachtet man sie bei ihrem Tun, weit mehr Menschen sind als nur Figuren auf einem imaginären Schachbrett, leiden fast ausnahmslos an einer Diskrepanz. Es ist die (gänzlich undialektische) Diskrepanz zwischen dem, was sie sich wünschen und wollen, und dem, was sie daraus zu machen imstande sind.
Das Leben, wenngleich es im Grunde als schön empfunden wird, erscheint ihnen allen doch zugleich wie ein «Ungeheuer, das uns verschlungen hat» (so beschreibt es Irina, die jüngste der «Drei Schwestern»), als etwas, das in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegt, die Gegenwart jedoch nie je wirklich streift. Werschinin, das Alter Ego Tschechows in «Drei Schwestern», bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: «Das Glück gibt es gar nicht, es gibt nur unseren Wunsch nach Glück.» Das ist die Diskrepanz. Und ein unaufhörliches Missverständnis.
Ein Missverständnis, allerdings eines der charmanten Art, war es auch, das Péter Eötvös zur Oper brachte. Eigentlich interessierte den Schüler der Antipoden Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann (die er während seines Studiums in Köln traf, um sich aber bald schon von beider Ästhetiken zu ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: In Erinnerung, Seite 70
von Jürgen Otten
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