Amazonenkämpfe im Mädchenpensionat

Lübeck, Schoeck: Penthesilea

Opernwelt - Logo

Sie ist lange Jahre eines der großen unterschätzten Werke des 20. Jahrhunderts gewesen, Othmar Schoecks grandiose, düster glühende Kleist-Vertonung, aber jetzt scheint ihre Zeit gekommen zu sein. Nach Cottbus (OW 12/2003), Basel (OW 12/2007) und Dresden (OW 4/2008) legt Lübeck eine außerordentlich geglückte Inszenierung des Werks vor, die nahe an seinem Wesenskern bleibt und doch neue Aspekte eröffnet.

Regisseur Alexander Schulin und seine Ausstatterin Cornelia Brunn transponieren den antiken Amazonen-Mythos in die Zeit der Komposition, indem sie eine Art von Mädchenpensionat der Weimarer Republik auf die Bühne stellen, in dem das grausame Geschehen zwar nicht immer deckungsgleich mit den Detailaussagen des Librettos abläuft, dessen starke Bildkraft aber die Gesamtatmosphäre auf beklemmend adäquate Weise wiedergibt.
Ein von rohen Betonwänden begrenzter Saal mit halb verfallenen Fenstern und unwirtlich hohen Türen, möbliert mit Lehrerpult und Schülertischen, bildet den ins Surrealistische verfremdeten Spielraum, in dem die Personen – die Frauen teils in uniformen Hosenanzügen, teils in gouvernantenhaft strengen langen Kleidern, die Männer im eleganten schwarzen Smoking – in oft ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2009
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Gerhart Asche

Vergriffen
Weitere Beiträge
Göttlicher Idiotismus

«Verantwortungslose Heiterkeit, die in diesem Wirrsal ein Bild unserer realen Verkehrtheiten ahnen lässt», ist nach Karl Kraus das Wesen der Operette. Das gilt auch für Witold Gombrowicz’ 1966 entstandenes Schauspiel «Operette», ein grotesk-surrealistisches Pandämonium über die Achterbahnfahrt des 20. Jahrhunderts zwischen Klassenkampf und Faschismus, zugleich aber...

Geschichte als Gegenwart

Bei den großen Sängern der jüngeren Vergangenheit sind zwei Typen zu unterscheiden: die historischen und die zeitlosen. Lisa della Casa, die vor einigen Monaten ihren 90. Geburtstag feierte, gehört zu der zweiten Kategorie. Hört man sich ihre Aufnahmen an, so ist man immer wieder überrascht von der Frische ihrer Stimme und der Gegenwärtigkeit ihrer...

Die Hoffnung stirbt ­zuletzt

Es ist eine makabre, für empathische Zuschauer schwer erträgliche Situation. Und doch besitzt sie musiktheatrale Energie, wie sie nur selten aus einer historischen Handlung kommt: In den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg waren Betäubungsmittel verboten, wenn die Patienten nicht bei den Operationen starben, so an der primitiven Anästhesie. Doktor Eisenbart,...