Am Abgrund
Die Welt ist auf den Kopf gestellt: Ein großer Baum wächst in Ingo Kerkhofs «Werther»-Inszenierung verkehrt herum aus dem Bühnenhimmel; der lindgrüne Bühnenboden ist hochgeklappt und schwebt wenige Zentimeter unter der Decke. Der von Dirk Becker entworfene Raum bringt die Emotionslage des Titelhelden treffend auf den Punkt: Seit seiner ersten Begegnung mit Charlotte ist für Werther nichts mehr, wie es war. Sein Leben ist gänzlich aus dem Lot geraten.
Der Regisseur hat für die Wiesbadener Aufführung eine pandemiebedingte Fassung erstellt, die das Personal auf vier Hauptfiguren reduziert. Massenets 1892 in Wien uraufgeführtes Operndrama, dessen melodramatische Gefühlsmacht in Paris gefeiert wurde, bei der deutschen Erstaufführung in Weimar aber bei Goethe-Gralshütern auf wenig Gegenliebe stieß, entfaltet in Kerkhofs Bearbeitung eine kammerspielartige Qualität, die wie eine Wiederannäherung des effektvollen Drame lyrique an Goethes intimen Briefroman wirkte. Die emotionsgeladene Klangmacht des von Peter Rundel geleiteten Orchesters mit ihren effektvoll auflodernden Höhepunkten bildet einen starken Kontrast zu der konsequenten Reduktion auf der Bühne. In weißen Großbuchstaben ist ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Silvia Adler
Es war, das darf man ohne Übertreibung sagen, ein spätes Debüt. 58 Lenze zählte Marian Anderson, als sie am 7. Januar 1955 erstmals die Bühne der Metropolitan Opera betrat, um die Ulrica in Verdis «Un ballo in maschera» zu singen, unter der Leitung des genialischen Dimitri Mitropoulos. Doch weniger deswegen war das Publikum in Manhattans Musentempel von den Socken....
Jetzt habe er die Faxen aber dicke von der Oper, sagte Markus Lüpertz während der Pressekonferenz am Premierenabend. Mehr als acht Wochen hat der 80-Jährige im Mal- und Probensaal des Meininger Staatstheaters durchgearbeitet, nun scheint er zufrieden mit seinem Versuch, Puccinis «La Bohème» auf die Bühne gebracht zu haben. Das Publikum jedenfalls zeigte sich vom...
63. JAHRGANG, NR 02
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