Als wär's ein Stück von heut'
Auf den ersten Blick wirken seine Artefakte amorph, wie zerklüftet im Lauf der Jahre. Länger betrachtet lassen die scheibenartigen Skulpturen indes oft menschliche Gestalten erahnen, die mit der Zeit ihre Eigenart verloren haben: Gesichter, kaum noch erkennbar. Manchmal sind es derer sogar zwei. Nicht eben zufällig hat der britische Bildhauer Tony Cragg vor einigen Jahren der Doppeldeutigkeit einer überlebensgroßen Bronzeplastik am Ende einen Namen gegeben: «Castor & Pollux». So benannt nach dem Brüderpaar der griechischen Sagenwelt.
Ihn um eine Bühnengestaltung zu bitten, erscheint für ein Staatstheater wie jenes in Meiningen, das immer wieder auf die Mitarbeit bildender Künstler setzt, nur folgerichtig. Und Sir Tony, obwohl bald 76 Jahre alt, hat sich willig der Herausforderung gestellt und im engen Verein mit Verena Hemmerlein erstmals einen Raum entworfen, der Rameaus Oper «Castor et Pollux» aus ihrer mythischen Verankerung löst und der Phantasie freien Lauf lässt. Im ersten Akt sind es noch projizierte Zeichnungen, vielsagende Ornamente und Farbstrahlen, die einen unversehens in die Geschichte von Bruderliebe, Tod und Verklärung hereinholen. Erst im zweiten Akt kommen die ...
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Opernwelt April 2025
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Hartmut Regitz
Eine todbringende Gesellschaft ist das, aber lustig anzusehen. Besondere Erheiterung schaffen jene beiden Pferde, welche die Omnibus-Kutsche, eine Vorform des öffentlichen Verkehrs, auf die Bühne ziehen. Die Pferde – nun, es sind keine Pferde, sondern Theatertiere, gespielt von Statisten, die ihre Wartezeiten in eher gekrümmter Körperhaltung und mit gewiss nicht...
Bei allem gebotenen Ernst: Das hier einmal ausgesprochen physisch dargebotene Schlussgerangel um den Ring, in dessen Verlauf die Rheintöchter Hagen buchstäblich niederringen, ist dann doch ziemlich lustig. Hin und her geht es. Hagens «Zurück vom Ring!», immerhin die letzten Worte des Stücks, bleiben folgenlos, wie ja generell das vielleicht sinnvolle Abstandsgebot...
Zu den auffälligsten Tendenzen der jüngsten Zeit gehört es, dass die Mauern zwischen ganz alter und ganz neuer Musik, zwischen historisch informierter Aufführungspraxis und moderner Interpretation immer häufiger fallen. Der Buchstabe der Überlieferung wird in der Ausführung nicht mehr wörtlich eingefordert, sondern frei übersetzt, ja gänzlich ausgeblendet, wobei...
