Alles nur Kino

Jossi Wieler und Sergio Morabito neutralisieren in Genf Meyerbeers «Hugenotten», an der Rampe machen fulminante Solisten aus dem Fünfakter ein Sängerfest

Opernwelt - Logo

Phänomenal! In Genf singt sich John Osborn als Raoul in «Les Huguenots» in die schmale Riege herausragender Meyerbeer-Tenöre – der Vergleich mit dem vor drei Jahren verstorbenen Nicolai Gedda ist nicht zu hoch gegriffen. Schon in der ersten Romanze gibt Osborn dem Affen Zucker und findet gleichzeitig himmlische Piani mit feinster Messa di voce. Über drei Stunden später stürzt er sich mit einer martialischen Cabaletta in den Kampf, ohne dass auch nur ein Hauch von Müdigkeit zu hören wäre.

Vor neun Jahren in Brüssel war der Tenor aus Sioux City noch die Zweitbesetzung für diese mörderische Rolle. Diesmal setzt er Maßstäbe, gerade auch in der nuancierten Sprachgestaltung, als wäre Französisch seine Muttersprache. Die Regie fokussiert auf die Karikatur eines tumben Landadligen, der durch sein Schicksal stolpert. Das ist in Scribes Libretto sehr deutlich angelegt, wird in Genf – mit Raouls zu großem Jackett – fast überzeichnet. Doch Osborn findet mit diesen Vorgaben zu einer sehr eindringlichen schauspielerischen Leistung.

Die Figur des Raoul gehört zu den wenigen überzeugenden Elementen in Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung. Offensichtlich hat sich das Stuttgarter Tandem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Anselm Gerhard

Weitere Beiträge
Klanglicher Reichtum

Von den vier geistlichen Oratorien, die Antonio Vivaldi nachweislich komponierte, ist nur die Musik zu dem Oratorium sacrum militare «Juditha triumphans» erhalten. Das Werk entstand 1716, wahrscheinlich zur Feier des Sieges venezianischer Streitkräfte über das osmanische Heer auf der strategisch wichtigen Insel Korfu. Das lateinische Libretto des Juristen Giacomo...

Fremd zieh' ich wieder aus

Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch...

Merkwürdig

Der Skandal war unüberhörbar, damals, vor neun Jahren. Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Glinkas «Ruslan und Ljudmila» am Bolschoi Theater führte im Saal zu tumultartigen Szenen. Fast in jeder Vorstellung gab es lautstarke Zwischenrufe; man warf dem russischen Regisseur vor, das Werk in abscheulicher Weise verunstaltet zu haben. Kurzum: Das Volk im Parkett und...