Alles Nostalgie?
I. Der Alidoro von Caracas
Womit beginnen? Mit der poetischen Besinnlichkeit der Eröffnungsrede von José Antonio Abreu, dem Alidoro von Caracas, dessen Sistema die Aschenputtel aus den venezolanischen Slums zu musikalischen Prinzen und Prinzessinnen machte? Das Youth Orchestra of Caracas ist ein wundersames Beispiel dafür; beim Eröffnungsakt lässt es die Instrumente tanzen und das Publikum jauchzen.
«Wenn die künstlerische Erziehung nicht mehr peripher bleibt, sondern ins Zentrum des Erziehungswesens rückt, wird die materielle Armut durch die Kunst in geistigen Reichtum verwandelt...», formuliert Abreu. Rettung der Gesellschaft durch die Kunst? Wagner hat davon geträumt, Hofmannsthal auch. In Venezuela erscheint sie als konkrete Utopie.
Apropos: Regisseure, so der Eindruck dieser ersten Opernstaffel der diesjährigen Salzburger Festspiele, scheinen der Auseinandersetzung mit einer unheimlichen Wirklichkeit müde zu sein. Stefan Herheim bei «Die Meistersinger von Nürnberg» und Damiano Michieletto bei «Falstaff» ziehen sich auf ähnliche Weise nostalgisch in die Innerlichkeit zurück, rekurrieren auf den Traum als eigentliche Realität. Und Alvis Hermanis beschwört bei Birtwistles ...
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Opernwelt September/Oktober 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Gerhard Persché
Welch ein Finale! Ein berückendes Streicherflirren, ein opalisierendes Flimmern, ein Farbenfunkeln im verschwebenden Pianissimo, unterwegs ins Wesenlose. Lautenklang mischt sich drein, Schalmeienton, Oboenkringel, vor allem aber die altertümlich, ja, fast exotisch wirkende Viola pomposa. Und: Frauenstimmen von fern. Ein immerzu changierendes Band der Tonpoesie....
Glanz und Elend Bayreuths sind beispielhaft an den zwei letzten Wiederaufnahmen abzulesen: auf der einen Seite «Tannhäuser», der schon 2011 ein Debakel war und leider noch verschlimmbessert wurde; auf der anderen Seite «Lohengrin», der auch in seiner vierten Saison faszinierend, vielsagend, sehens- und hörenswert, rundherum festspielwürdig ist. Schade, dass...
Das Verdi- und Wagner-Jahr 2013 ist auch ein Benjamin-Britten-Jahr, das aber im Jubiläumstrubel für die beiden großen Antipoden schier unterzugehen droht. Die Deutsche Oper Berlin hat, nicht eben überzeugend, «Peter Grimes» gespielt (OW 3/2013), Hamburg sich für die unterschätzte «Gloriana» eingesetzt (OW 4/2013). Die Düsseldorfer Rheinoper kündigt für die kommende...
