Von der Resterampe

Frank Castorf dekonstruiert die Welt aus Sicht der Berliner Volksbühne und blickt dabei nostalgisch auf alte Ost-West-Gefechte. Mit Wagners «Ring des Nibelungen» hat das wenig zu tun. Kirill Petrenko lässt ihn dafür vor unseren Ohren wie neu entstehen. Anmerkungen zur Neuproduktion bei den Bayreuther Festspielen

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Es gibt ein Nachspiel. Da steht der Regisseur Frank Castorf im Buhgewitter vor dem Vorhang des Bayreuther Festspielhauses und steht und steht. Er will einfach nicht abgehen, schaut auf die Uhr, schaut auf die wütende Menge, zeigt ihr den Vogel. Will er etwas sagen? Das Publikum will es jedenfalls nicht hören. Immerhin hatte Castorf sechzehn Stunden Zeit, alles zum «Ring» zu sagen, was ihm einfiel. Fast zehn Minuten dauert diese Szene. Sein Team versucht, den Regisseur zum Abgang zu bewegen. Er bleibt. Der Dirigent Kirill Petrenko steckt seinen Kopf durch den Vorhang.

Wahrscheinlich sagt er, dass sich das Orchester, wie nach der «Götterdämmerung» üblich, auf der Bühne versammelt hat. Castorf bleibt. Irgendwann lassen die Inspizienten den Vorhang hochziehen. Da ist tatsächlich das Orchester – und erntet einen Bravo-Orkan. Das Regieteam duckt sich weg. Der Regisseur steht noch immer, gockelt an der Rampe entlang, will zur Verbeugungsreihe der Sänger aufschließen, was diese aber nicht sonderlich interessiert. Irgendwann, es ist längst hell im Zuschauerraum, schlendert er einsam ab in die Gasse – und zückt sein Handy.

Er kann nur Fricka anrufen, um ihr zu melden, dass er vollstreckt ...

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Opernwelt September/Oktober 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch

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