Alles atmet, alles fließt
Verdis «La traviata» gehört zu den weltweit populärsten Werken des Musiktheaters. Dass sie mehr zu bieten hat als nur Ohrwürmer einer romantischen Passion, dass schon hier und nicht erst im «Otello» oder «Falstaff» jede Note zählt, wird allzu häufig vergessen, weil der Theaterschlendrian zahllose Feinheiten und damit die dramatische Wahrheit der Partitur einebnet. Nicht so in der Dortmunder Neuinszenierung, in der mit Will Humburg ein Dirigent am Pult seines Amtes waltet, der Verdis Musik radikal ernst nimmt.
Er realisiert nicht nur, was dasteht (schon das entschieden ein Fortschritt gegenüber der üblichen Schlamperei), sondern auch – und erst das ist Interpretation! –, warum es dasteht.
Das beginnt bei den Details der von Verdi aufs Genaueste bezeichneten Artikulation, bei Dynamik, Phrasierung und Tempo (in ihrer stets gestischen Funktion wie der deklamatorischen Bedeutung) und kulminiert in dem inneren Spannungsbogen, den Humburg über das Ganze der drei Akte wölbt. Was wir hören, «atmet», wirkt nicht einen Takt lang mechanisch und klingt selbst in den Wiederholungen nie identisch, denn dieser Dirigent geht nicht nur mit den Sängerinnen und Sängern mit, er beherrscht auch das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Uwe Schweikert
Frau Teige, wie ist es, Teil der Bayreuther Kult-Crew im «Tannhäuser» zu sein?
Ich glaube, das ist wohl nicht nur die gegenwärtig populärste, sondern zugleich die beste Produktion, die derzeit in Bayreuth läuft. Und sie wird Jahr für Jahr weiterentwickelt. Als ich 2023 erstmals dabei war und die Proben starteten, hatte ich großen Respekt davor. Das übte Druck aus....
Es ist nur eine winzige Unachtsamkeit, scheint aber im Fall von Kurt Weill nachgerade symbolischen Charakter zu besitzen: Sein Grabstein auf dem konfessionsneutralen Friedhof Mount Repose in Rockland County, Bundesstaat New York, ziert der Choral «Bird of Passage» aus Weills letztem Bühnenwerk «Lost in the Stars» von 1949, doch eben da entdeckt man den (kaum...
Zum sanguinischen Spectaculum lässt Calixto Bieito den Gott des Weines höchstpersönlich auftreten: Als adipöser Senior testet Bacchus den roten Rebensaft; Dionysos, sein griechischer Kollege und Hohepriester des Rausches, assistiert ihm. Gemeinsam befinden sie für gut, was der Chor da in neun riesigen Holzbottichen an Trauben eingestampft hatte. Nun hat die wilde...
