Alles atmet, alles fließt
Verdis «La traviata» gehört zu den weltweit populärsten Werken des Musiktheaters. Dass sie mehr zu bieten hat als nur Ohrwürmer einer romantischen Passion, dass schon hier und nicht erst im «Otello» oder «Falstaff» jede Note zählt, wird allzu häufig vergessen, weil der Theaterschlendrian zahllose Feinheiten und damit die dramatische Wahrheit der Partitur einebnet. Nicht so in der Dortmunder Neuinszenierung, in der mit Will Humburg ein Dirigent am Pult seines Amtes waltet, der Verdis Musik radikal ernst nimmt.
Er realisiert nicht nur, was dasteht (schon das entschieden ein Fortschritt gegenüber der üblichen Schlamperei), sondern auch – und erst das ist Interpretation! –, warum es dasteht.
Das beginnt bei den Details der von Verdi aufs Genaueste bezeichneten Artikulation, bei Dynamik, Phrasierung und Tempo (in ihrer stets gestischen Funktion wie der deklamatorischen Bedeutung) und kulminiert in dem inneren Spannungsbogen, den Humburg über das Ganze der drei Akte wölbt. Was wir hören, «atmet», wirkt nicht einen Takt lang mechanisch und klingt selbst in den Wiederholungen nie identisch, denn dieser Dirigent geht nicht nur mit den Sängerinnen und Sängern mit, er beherrscht auch das ...
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Opernwelt November 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Uwe Schweikert
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