Albtraum, logisch
Nach ausgiebiger Frühmasturbation muss der Major Kovaljov, hier ein Politiker mit Machtinstinkt, feststellen, dass ihm seine Nase abhandengekommen ist, die bis dahin als prächtiger Pinocchio-Zinken aus seinem Gesicht geragt hatte.
In Gogols köstlicher Nasen-Novelle, Dokument eines Surrealismus vor der Erfindung des Surrealismus, führt nun die Suche nach dem prominenten Körperteil quer durch die Petersburger Gesellschaft, die bevölkert ist von Kollegienassessoren, Kreisgeometern, Regimentsärzten, Lakaien, Backenbärten aller Arten, Bürovorstehern, Annoncenredakteuren und natürlich jeder Menge Polizei. Es geht in die Kasaner Kathedrale, wo die Nase, aufgeblasen zum Staatsrat, nichts davon wissen will, an ihren natürlichen Platz zurückzukehren, dann an die Newa und zum Newski-Prospekt; wir erfahren die erheblichen Nöte eines Mannes ohne Nase.
Er könnte einem leidtun, dieser K. In Brüssel, wo Àlex Ollés vor Jahren schon in Kopenhagen gezeigte «Nase» jetzt noch einmal läuft, hält sich das Mitleid allerdings in Grenzen. Überhaupt schauen wir in eine mitleid- und gnadenlose Welt irgendwo zwischen Gegenwart und Postapokalypse, hier sind alle gewaltig heruntergekommen, divers deformiert, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Holger Noltze
In ihrem neuesten Soloalbum spürt die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus einer Gattung nach, die mit dem Ende des Barockzeitalters ausstarb – der weltlichen Solo-Kantate. Ihren Höhepunkt besaß diese um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert in Italien und Frankreich. Mit Stoffen vornehmlich aus dem Bereich der Bukolik, aber auch der antiken Mythologie,...
Der Versuch des Theaters Osnabrück, Jaromír Weinbergers vergessene Oper über Wallenstein, den bekanntesten Heerführer des Dreißigjährigen Krieges, für die Bühne zurückzugewinnen, besaß zwei starke Momente – den schockhaften Beginn und das quälende Ende. Den Anfang setzt nicht die Musik, sondern unter ohrenbetäubendem Sirenenalarm ein optisches Zitat – die «stumme...
Der wichtigste Moment in der Aufführung von Bellinis «Norma» am Stanislawski-und-Nemirowitsch-Dantschenko Musiktheater ist der, als Regisseur Adolf Schapiro beispielhaft die in Moskau vorherrschende Stimmung beschreibt: Oroveso, im Kampfanzug in einem Rollstuhl sitzend, erinnert das Publikum daran, dass bald der Moment kommen wird, an dem der Widerstand gegen die...
