Albtraum, logisch

Schostakowitsch: Die Nase in Brüssel

Opernwelt - Logo

Nach ausgiebiger Frühmasturbation muss der Major Kovaljov, hier ein Politiker mit Machtinstinkt, feststellen, dass ihm seine Nase abhandengekommen ist, die bis dahin als prächtiger Pinocchio-Zinken aus seinem Gesicht geragt hatte.

In Gogols köstlicher Nasen-Novelle, Dokument eines Surrealismus vor der Erfindung des Surrealismus, führt nun die Suche nach dem prominenten Körperteil quer durch die Petersburger Gesellschaft, die bevölkert ist von Kollegienassessoren, Kreisgeometern, Regimentsärzten, Lakaien, Backenbärten aller Arten, Bürovorstehern, Annoncenredakteuren und natürlich jeder Menge Polizei. Es geht in die Kasaner Kathedrale, wo die Nase, aufgeblasen zum Staatsrat, nichts davon wissen will, an ihren natürlichen Platz zurückzukehren, dann an die Newa und zum Newski-Prospekt; wir erfahren die erheblichen Nöte eines Mannes ohne Nase.

Er könnte einem leidtun, dieser K. In Brüssel, wo Àlex Ollés vor Jahren schon in Kopenhagen gezeigte «Nase» jetzt noch einmal läuft, hält sich das Mitleid allerdings in Grenzen. Überhaupt schauen wir in eine mitleid- und gnadenlose Welt irgendwo zwischen Gegenwart und Postapokalypse, hier sind alle gewaltig heruntergekommen, divers deformiert, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Holger Noltze

Weitere Beiträge
Beflügelte Seele

Gut sieht sie aus, die «alte Frau», wie sie da aus der Tür des Riesenkarpfens, der (auch) ein Haus darstellt, heraustritt, neugierig, wer da wohl geklopft hat. Eine Dame, könnte man meinen. Doch schon die ersten Worte und Töne verwandeln dieses wunderliche Wesen in ein keifendes Weib, das den beiden Menschen, die frierend und zitternd vor ihr stehen – in größter...

Innere Perspektiven

In ihrem neuesten Soloalbum spürt die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus einer Gattung nach, die mit dem Ende des Barockzeitalters ausstarb – der weltlichen Solo-Kantate. Ihren Höhepunkt besaß diese um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert in Italien und Frankreich. Mit Stoffen vornehmlich aus dem Bereich der Bukolik, aber auch der antiken Mythologie,...

Nichts als Träume

Das Leben? Eigentlich ist es nur ein Spiel. Ein Glücksspiel. Manchen Menschen gibt Fortuna die richtigen Karten in die Hand, damit sie die angenehmen, luxurierenden Seiten des Daseins genießen können – bis irgendwann der Tod vor der Tür steht, milde lächelnd. Anderen gönnt sie nicht einmal die Möglichkeit der Liebe, nur den Schatten oder die Ahnung davon, wie zum...