Abschied(e)
Eine alte griechische Legende erzählt, dass Schwäne unmittelbar vor ihrem Ableben Gesänge von geradezu ätherischer Schönheit anstimmen. Unter dem Titel «Schwanengesang» versammelte der Verleger Tobias Haslinger posthum 14 Schubert-Lieder zu Texten von Rellstab, Heine und Seidl und erhob sie so zum klangvollen Vermächtnis. Anders als die großen Zyklen «Die schöne Müllerin» und «Winterreise» entzieht sich diese Sammlung jeder geschlossenen Dramaturgie: «Schwanengesang» ist ein offenes Konvolut letzter Stimmen.
Diese strukturelle Offenheit bildet den Ansatzpunkt für Romeo Castelluccis «Schwanengesang» am Teatro Stabile dell’ Umbria in Perugia. Der Regisseur versteht den Zyklus nicht als historisches Objekt, sondern als neu zu disponierendes Material. Aus der Haslinger-Sammlung bleibt allein das «Ständchen» erhalten; die übrigen Lieder entstammen anderen Kontexten aus Schuberts Œuvre. Der Eingriff ist radikal, aber folgerichtig: Nicht Rekonstruktion ist das Ziel, sondern existenzielle Verdichtung. Castelluccis Inszenierung entpuppt sich als asketisch-theatralische Introspektion. Auf der nahezu leeren Bühne befinden sich nur der seitlich unter dem Vorhang platzierte Pianist Alain ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Magazin, Seite 89
von Jürgen Otten
Wir wissen nicht, ob es Sergei Leiferkus interessiert, dennoch sei es kurz erwähnt: Disney World Florida, ein riesiger Themenpark unweit der US-Stadt Orlando, plant eine neue Attraktion, genannt «Villain’s Land». Nicht nur spitzfindige Zeitgenossen mögen die Aktualität und Brisanz eines solchen Unterfangens im Zustand der Weltpolitik sehen: Villains scheinen...
Ein Ehrentag, den ich am liebsten vergessen will», sagte er damals gespielt genervt. «Wer möchte schon 80 sein?» Zubin Mehta hat sich damit abfinden müssen. Auch damit, dass er um den 29. April dieses Jahres besonders viel zu tun bekommt: Ob Wiener Philharmoniker, Staatskapelle Berlin oder Bayerisches Staatsorchester – alle wollen sie seinen 90. Geburtstag feiern,...
Dieser «Wozzeck» ist ein Naturereignis – in doppeltem Sinne. Zum einen gilt das für die ganze Aufführung: Im Nu ist man gefangen in einer düsteren Phantasmagorie, einer dunklen Welt mystischen Leidens voll süßer Schmerzen und gruseliger Rätsel, in der Verschwisterung mittelalterlicher und neuzeitlicher, im wahrsten Sinne brand -aktueller Dystopien, die optisch an...
