Abschied(e)
Eine alte griechische Legende erzählt, dass Schwäne unmittelbar vor ihrem Ableben Gesänge von geradezu ätherischer Schönheit anstimmen. Unter dem Titel «Schwanengesang» versammelte der Verleger Tobias Haslinger posthum 14 Schubert-Lieder zu Texten von Rellstab, Heine und Seidl und erhob sie so zum klangvollen Vermächtnis. Anders als die großen Zyklen «Die schöne Müllerin» und «Winterreise» entzieht sich diese Sammlung jeder geschlossenen Dramaturgie: «Schwanengesang» ist ein offenes Konvolut letzter Stimmen.
Diese strukturelle Offenheit bildet den Ansatzpunkt für Romeo Castelluccis «Schwanengesang» am Teatro Stabile dell’ Umbria in Perugia. Der Regisseur versteht den Zyklus nicht als historisches Objekt, sondern als neu zu disponierendes Material. Aus der Haslinger-Sammlung bleibt allein das «Ständchen» erhalten; die übrigen Lieder entstammen anderen Kontexten aus Schuberts Œuvre. Der Eingriff ist radikal, aber folgerichtig: Nicht Rekonstruktion ist das Ziel, sondern existenzielle Verdichtung. Castelluccis Inszenierung entpuppt sich als asketisch-theatralische Introspektion. Auf der nahezu leeren Bühne befinden sich nur der seitlich unter dem Vorhang platzierte Pianist Alain ...
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Opernwelt April 2026
Rubrik: Magazin, Seite 89
von Jürgen Otten
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