Verschobene Perspektiven

Mit «Opium» wagt sich Philippe Jaroussky in das französische Liedrepertoire des 19. Jahrhunderts vor

Opernwelt - Logo

Für das Booklet seiner neuen CD hat Philippe Jaroussky ein kontroverses Vorwort verfasst: Countertenöre, so argumentiert er darin, sängen meist Musik, die eigentlich für Kastraten verfasst worden sei. Deren Stimmen aber hätten ganz anders geklungen – weshalb sollten seine Fachkollegen und er selbst sich also nicht auch in anderes Repertoire vorwagen dürfen, zu dem sie sich persönlich hingezogen fühlten? Diese Suggestivfrage beantwortet der Franzose mit «Opium»: Ähnlich wie die ausgezeichnete CD mit baskischen Liedern des 19. und 20.

Jahrhunderts, die Carlos Mena vor einem Jahr veröffentlichte, ist auch Jarousskys Streifzug durch das französische Liedgut ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Countertenöre dem romantischen Repertoire einen eigenen künstlerischen Stempel aufdrücken können.
Das sängerknabenhafte Timbre von Jarousskys hohem Mezzosopran verschiebt die Erzählperspektive dieser Miniaturen: Nicht das persönliche Nacherleben der Gefühle steht im Vordergrund, sondern die poetische Reflexion des hellwachen Beobachters. Das funktioniert natürlich dann am besten, wenn die Stücke nicht auf Dramatik, sondern auf kontemplativen atmosphärischen Reiz zielen: In Liedern wie Reynaldo ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2009
Rubrik: Medien/CDs, Seite 25
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Die reine Stimme interessiert mich nicht»

Lieben Sie Pavese?
Ich kenne Pavese. Und habe einiges von ihm sehr gern gelesen.


Darf ich Ihnen dann den unlängst auf Deutsch erschienenen Roman «Die einsamen Frauen» empfehlen? Ein zauberhaftes Buch.
Vielen Dank für den Tipp. Aber ich möchte den Roman lieber im Original lesen. Ich habe schließlich viele Jahre lang in Italien gelebt.


Sie sind als sehr junge Frau...

Über die Schulter geblickt

Seine Miene konnte mürrisch sein, sein Ausdruck melancholisch. Ein düsterer Charakter? Im Gegenteil. «Heiter, umgänglich, vergnügt und von Natur aus buffonesk». So beschreibt Giuseppe Carpani Joseph Haydn. Carpani, Zeitgenosse des Komponisten, Literat und Musikinfizierter, hat mit Haydn vierhändig gespielt und nach dessen Tod einen Band mit fiktiven Briefen...

Hindemith: Cardillac

«Celebrities» hieß eine Berliner Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die Andy Warhol und seinen Stars huldigte. Gleichzeitig analysierte man dort den «Kult des Künstlers», eines allmächtigen «Schöpfers», in dessen Seele Gespenster oder Teufel hausen können. «Reliquien vom Künstlergott haben zu wollen», so der Berliner Museumschef Peter-Klaus Schuster, «das treibt den...