Über die Schulter geschaut – Berufe am Theater

Auf und hinter der Bühne, in Werkstätten und Planungsbüros – erst die Menschen und ihre verschiedenen Berufe machen die Theater- und Veranstaltungsbranche zu dem, was sie ist. Mit Fachwissen und Fantasie vereinen sie Kunst und Technik für Oper, Theater und Konzert. Unseren Sonderband widmen wir dieser reichen Arbeitswelt.

Bühnentechnische Rundschau

Etwa 50 unterschiedliche Berufe finden sich in einem modernen Theaterbetrieb, vom traditionellen Handwerk bis zum hochtechnisierten Medienspezialisten. Vor allem bei den handwerklich-technischen Berufen mangelt es an Nachwuchs; möglicherweise auch, weil sehr wenig bekannt ist über die Tätigkeiten der vielen, die das Endprodukt Bühnenkunst herstellen. Auch deshalb fanden wir es an der Zeit, Sie einmal wieder zu einem Blick hinter die Kulissen einzuladen und Ihnen die vielfältigen Tätigkeiten rund um die Bühne im Arbeitsalltag vorzustellen.

Diese haben sich seit den 1980er-Jahren immer weiter von Tätigkeiten des „Learning by doing“ hin zu Ausbildungsberufen entwickelt, um den steigenden Qualitätsansprüchen gerecht zu werden. Vom Kulissenschieber zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik war es ein weiter Weg, fast 100 Jahre hat er gedauert.

Am Anfang der aktuellen Entwicklung stand die Technisierung der Bühne mit elektrischem Licht zum Ende des 19. Jahrhunderts sowie der Einführung des Stahlbaus im deutschen Theater. Die Entwicklung in Gesellschaft, Kunst und Technik explodierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts – alle Bereiche waren eng miteinander verzahnt. Das neue Regietheater Max Reinhardts wäre ohne die Erfindung der Drehscheibe gar nicht möglich gewesen. Mit elektrischem Licht konnten die Räume auf der Bühne komplett ausgeleuchtet werden. Richard Wagner hatte das Festspielhaus in Bayreuth gebaut und damit die Revolution im Theaterbau eingeleitet. Schluss mit dem hierarchischen Hoftheater, aber auch mit Oper als Ort des Amüsements, sie sollte auch ein Ort der Bildung werden. Das Publikum wurde an die Bühne gerückt, das Orchester verschwand unter dem Zuschauerraum – eine unglaubliche Provokation zu jener Zeit.

Die Technischen Direktoren waren die grauen Eminenzen am Theater gewesen. Bühnenbilder hatte es zuvor ja nur in Form von bemalten Prospekten gegeben, die die Technischen Direktoren oftmals auch selbst malten. Plötzlich aber entstand eine neue Theaterkunst – dreidimensionale Bühnenbilder mit künstlerischem Anspruch, Regisseure mit eigenen, neuen Ideen. Mit den komplexen Stahlbühnen und mechanisierten Obermaschinerien waren Ingenieursqualitäten gefragt. Bei den Bühnenbildnern wurden räumliches Vorstellungsvermögen und die technischen Kenntnisse, um die Möglichkeiten der Hub- und Dreheinrichtungen künstlerisch zu nutzen und eine eigene Bühnensprache zu entwickeln, erforderlich.

In Gesprächen mit Etienne Pluss und Lena Newton, zwei prominenten Vertretern dieses Berufsstands, erfahren wir im Sonderband eingangs, wie Künstler, Techniker und Handwerker zusammenarbeiten, um eine Produktion in der vorgegebenen, immer knapper werdenden Zeit erfolgreich zu bewerkstelligen und gleichzeitig künstlerisch neue Pfade zu betreten.

Professionalisierung der Berufe

Dazu bedarf es einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Daher setzte sich bereits vor über 100 Jahren die DTHG das wesentliche Ziel, die Tätigkeiten am Theater zu Ausbildungsberufen zu machen. Erst seit den 1980er-Jahren gelang es, mit der Einführung des Studiengangs für einen Abschluss als Diplomingenieur der Veranstaltungstechnik an der damaligen Technischen Fachhochschule Berlin (heute Beuth Hochschule) und der Etablierung des Meister- und Fachkraft-Abschlusses ein durchgängiges, mittlerweile international wegweisendes und einzigartiges Qualifizierungssystem für die „Allrounder“ rund um die Bühne zu etablieren, das dem künstlerischen Team die Umsetzung seiner Ideen ermöglicht. Bei der Beleuchtung existiert seit Langem der Meisterabschluss, aber leider wird die künstlerische Seite des Berufs in der Ausbildung weiterhin sehr vernachlässigt. Ein besonderes Stiefkind ist der Inspizient, dessen entscheidend wichtige, komplexe Tätigkeit für die Abläufe im Theater bisher in Deutschland nirgendwo erlernt werden kann. Das soll sich bald ändern, daran arbeiten engagierte Berufsvertreter.

Einige Handwerksberufe am Theater erfuhren hingegen in den vergangenen 30 Jahren eine zunehmende Aufwertung, indem sie wie z. B. die Maler und Plastiker zu Ausbildungsberufen ausgestaltet wurden oder wie Requisiteure eine berufliche Weiterbildung zur/zum Geprüften Requisiteur/-in absolvieren können. Schlosser, Schreiner, Maschinisten oder Gewandmeister finden unter anderem mehr Wertschätzung, indem ihre Belange bei der Modernisierung und dem Ausbau von Werkstätten zunehmend in den Fokus rücken und die Arbeitsplätze samt technischer Einrichtungen modernen Erfordernissen angepasst werden.

Im Rahmen dieses Sonderbands können wir die große Bandbreite der Tätigkeiten am Theater nur in Schlaglichtern abbilden. Wir haben einzelne Berufe des Kreativortes anhand persönlicher Betrachtungen beschrieben und wollen Ihnen Lust auf mehr Theater machen – indem Sie in dieser innovativen Welt ein berufliches Zuhause finden oder sich als Zuschauer auch für das Entstehen der magischen Welten begeistern.

Die Bühnentechnische Tagung in Ulm am 28. und 29. Oktober 2020 bietet sich mit vielen interessanten Vorträgen und Workshops und dank des umfangreichen Hygienekonzepts der DTHG (BTR 5 | 2020) trotz Coronazeiten als idealer Treffpunkt an, um sich mit Fachleuten, Kollegen und Kolleginnen aus den Berufsfeldern rund um die Bühne auszutauschen.

Karin Winkelsesser

Das Theater ist der Ort des Spiels, in alle Richtungen

Stühle können sprechen und laufen über die Bühne, die Prinzessin fliegt von oben wie selbstverständlich ein, Städte und Häuser drehen sich und stürzen mit Pauken und Trompeten zusammen, wenn es dem Publikum gefallen soll. Hüte groß wie Wagenräder, Ohren wie ein Esel oder ein Schafskopf – alles kein Problem. Die Menschen im Theater können das, alles. Große Kunst und großes Handwerk gehen Hand in Hand. Seit Jahrtausenden begeistern die Theatermenschen die Zuschauer immer wieder mit Neuem.

Die Faszination der künstlerischen und künstlerisch-technischen Berufe ist nach wie vor ungebrochen. Wer einmal den Weg ans Theater gefunden hat oder bei einem Praktikum Theaterluft schnuppern durfte, ist nicht selten vom Theater infiziert, oft ein Berufsleben lang. 

Wir alle kennen Zitate der griechischen Philosophen und Dichter. Ob Aristophanes, der Dichter, oder Aristoteles, Sokrates oder Seneca, die Philosophen. Die Namen sind geläufig und schmücken die Zitierenden wegen ihrer die Zeiten überdauernden Wahrheiten. Warum haben 3000 Jahre nach der Hochzeit der Antike jene Philosophen noch so große Bedeutung? Weil sie recht haben, natürlich! Aber auch, weil das Streben nach Weisheit in der Gesellschaft der Antike höchste Anerkennung fand und es zu diesen Zeiten selbstverständlich war, dass man sich in einer der Denkschulen dieser Philosophen ausbilden ließ. Das Theater ist nicht nur Brückenschlag zur Antike und zum Streben nach Weisheit, es ist auch eine erfreulich widerspenstige Gedankenburg gegen Gleichmacherei und Effizienz. Hier darf nicht nur, hier muss gespielt werden.

Es ist kein Zufall, dass das Theater mit seinen spielerischen Möglichkeiten in der Antike entstand und seither auch jede technische Entwicklung von der Kerze zur LED und von der Holzrolle zur modernen Bühnenmaschinerie aufgenommen und weiterentwickelt hat.

Das Theater entsteht aus dem gemeinsamen Wirken unterschiedlichster Kräfte, und der Aufwand kann von einer Schauspielerin auf einem Stuhl mit einer Kerze auf dem Tisch bis zu kreischenden Eisenbahnloren in mächtigen Industriehallen mit ausgefallener Beleuchtung alles enthalten. Allein der Unterschied macht es. Es geht immer um Kunst und besondere Ereignisse. Jeder Aufwand ist absolut gerechtfertigt, wenn das große Experiment gelingt. 

Wer die besondere Atmosphäre aus Spannung und Konzentration im Theater an einem Premierentag erlebt hat, weiß, wovon ich spreche. Kein noch so kleines Rädchen darf versagen, und von der Sopranistin bis zum Helfer, der im richtigen Moment die Tür aufhält, sind alle Beteiligten Teil des Gesamtkunstwerks und haben kurz vor ihrem Einsatz das gleiche Lampenfieber. 

Der Mensch im Mittelpunkt

Was aber macht das Theater zu diesem besonderen Ort, der ein Berufsleben lang für Menschen attraktiv und erfüllend sein kann? Der Mensch steht im Mittelpunkt. So einfach kann man es benennen. In einer sich ständig verändernden und zunehmend digitalisierten Welt ist das Theater mit seinem Gemeinschaftserlebnis der letzte analoge Marktplatz der Moderne. Man bedient sich der vielen unterschiedlichen Berufe, um die künstlerische Gestaltung eines Ereignisses einer großen Gemeinschaft, des Ensembles, zu realisieren. Die große Gruppe von Menschen trifft sich eigens für ein friedliches Werk mit klarer Zielsetzung: zu begeistern.

Es gilt vielleicht: Wer Fachkräfte im Theater benötigt, muss die Strukturen in die Lebenswelt des Ensemblekunst-Hauses Theater tragen und Entwicklungen der Zukunft so aufnehmen, dass flexible Lösungsansätze und Richtungsweisungen auch bei veränderten technischen Möglichkeiten einfach in die Arbeitsweisen zu integrieren sind und die Menschen an den Entwicklungen proaktiv beteiligt werden. Beteiligung ist die einfachste und wirkungsvollste Form der Wertschätzung der Menschen in Arbeitsprozessen.

Wie kann das gelingen, wenn altes Handwerk auf neue Technik trifft? Sehr einfach: Indem man den Mut aufbringt, die Dinge miteinander zu kombinieren und Gestaltungsmöglichkeiten sucht und findet, über die man im Alltag nicht nachdenken würde. Wer denkt schon an Seifenblasen, die nach oben steigen? 

Künstlerische Ideen, mitunter auch Fantaste­reien, treffen auf kreative technische oder ganz besondere, fast schon ausgestorbene handwerkliche Berufe wie den des Hutmachers. Es kommen seit Jahrhunderten innovative Prozesse in Gang, die beflügeln und am Ende begeistern.

Kunst und Handwerk verbinden

Mit Licht spielen: Das erfordert Kenntnisse der Elektrizität und der Physik, der Optik und der Farbenlehre. Welcher Scheinwerfer kann welchen Effekt und wie richtet man ein Lichtpult so ein, dass beim Auftritt der Sängerin der Effekt auch richtig kommt und sie nicht im Dunkeln dasteht. Im Theater lässt es sich nur beim Proben wiederholen. 

Der Bühnentischler baut Dekorationen. Von vorne Palast, von hinten Lattenkonstruktion. Leicht soll sie sein und schnell aufgebaut werden können. Aber unbedingt stabil sein und natürlich gut aussehen, niemals nach Dekoration. Ein großer gemalter Hintergrund, ein Prospekt. Aus dem Malsaal. Die Theatermalerin hat die Vorlage auf einer Postkarte bekommen und malt sie nun im Format 12 Meter mal 10 Meter als Bühnenvorhang. 

Das kann keine Maschine. Technisch vielleicht, aber niemals so, dass beim Betreten des Saals das Publikum schon „Ohhh“ ausruft. Keine Maschine kann den künstlerischen Pinselstrich der Malerin aus dem Handgelenk nachmachen. Gefühl, Intention und handwerkliches Können erst machen aus Stoff und Farben ein Kunstwerk.

Es benötigt aber viel mehr als Talent und Geschick. Welchen Stoff kann ich so bemalen, dass er nicht faltig wird, und welche Farben muss ich wie anmischen, dass der Glanz ganz wie auf der Karte ist? So hätte es der Bühnenbildner gerne.

Der Bühnenbildner gestaltet die Bühne, spricht mit der Regie über den Inhalt des Stücks, entwickelt ein Konzept und baut ein Modell im Maßstab. Er fertigt Zeichnungen und Skizzen an und nähert sich einem künstlerischen Ziel, bei dem hohe Kenntnisse der Gestaltung, der Architektur und der Abläufe eines Theaters notwendig sind. Alle diese Berufe haben eine Berechtigung an diesem speziellen Ort, auch wenn das reale Leben draußen immer auch anders funktioniert und auf Effektivität getrimmt ist. Nicht immer schöner. Schon lange nicht glücklicher. Theater ist Heimat. •

Wesko Rohde


BTR Sonderband 2020
Rubrik: Foyer, Seite 8
von Wesko Rohde und Karin Winkelsesser

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