Game of Drones

Mit der aufwendigen Lichtshow „Breaking Waves“ rund um die Elbphilharmonie zu deren fünftem Geburtstag und der Eröffnung der Internationalen Musikfestspiele Hamburg hat am 28. April das niederländische Künstlerduo Drift für Aufsehen gesorgt. Die Performance zeigt aber auch, welche Herausforderungen bei dem immer beliebteren Einsatz von Drohnen bestehen.

Bühnentechnische Rundschau

Mitten auf dem Fluss drosselt das Schiff seine Fahrt, bringt sich in Position, sodass seine Fahrgäste beste Sicht auf die zu dieser späten Uhrzeit spärlich erleuchtete Elbphilharmonie haben. Das Hamburger Wetter ist völlig anders als sein Ruf: tagsüber schönster Frühlingssonnenschein, jetzt fast windstill und klarer Nachthimmel. Gebannt schauen alle zu dem ikonischen Bau mit seinem markanten Dach.

Ein Schwirren über den Köpfen, ähnlich einem Heuschreckenschwarm, verrät die rund 300 heranfliegenden, noch unbeleuchteten Drohnen, dann setzt aus den Lautsprechern auf Deck Musik ein – der zweite Satz des Klavierkonzerts von Thomas Adès. Gleichzeitig erscheint eine gerade Linie blau leuchtender Punkte vor der Elbphilharmonie, relativ dicht über dem Wasser. Was folgt, sind rund sieben Minuten Poesie: tanzende Drohnen, die ihre Formationen und Farben passend zu Musik und Gebäude ändern.

Im Einklang mit der Musik bildet sich der Drohnenschwarm zu leichten kleinen Wellen, die das Gebäude umspielen, steigen langsam hoch, sinken wieder, steigen, um schließlich über das selbst wellenförmige Dach der Elbphilharmonie zu schwappen, wobei sie dessen Form zitieren. Entsprechend der nun aufwühlenden Musik wogt und blinkt es gewaltig, Kaventsmänner türmen sich auf. Die Musik wird wieder ruhiger, nach und nach sinken die Lichtpunkte und imitieren kurz über der Wasserlinie perfekt eine sich brechende Welle. Sich in der Fassade des Gebäudes spiegelnd strömen sie noch mal hoch zum Dach, sinken teilweise wieder hinab, verteilen sich um die Elbphilharmonie – und nehmen schließlich ihre Form an. Nach einem kurzen Moment der Stille Beifall von überall, von den Booten und vom Ufer ringsum, von wo aus Tausende Menschen dem Drohnenballett live zusahen. Damit alle die Musik dazu synchron hören konnten, hatte die Elbphilharmonie auf ihrer Website einen Stream für Smartphone und Kopfhörer zur Verfügung gestellt.

Verbindung zwischen Mensch, Technik und Natur 
Die Drohnen-Choreografie haben Lonneke Gordijn und Ralph Nauta, Gründer des international gefragten Studio Drift, eigens für die Elbphilharmonie geschaffen. „Breaking Waves“ soll die Bewegung des Flusswassers mit Klangwellen in Verbindung setzen, wie sie im Inneren des Gebäudes entstehen. „Das Werk ist eine Art Gespräch zwischen dem Gebäude und den sich bewegenden Lichtdrohnen. Es ist der Versuch, für einige Momente eine Verbindung zwischen Mensch, Technik und Natur herzustellen“, so Gordijn.

Die Idee, Studio Drift für die Jubiläums-Show der Elbphilharmonie zu engagieren, kam vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MK&G), das dem Künstlerduo und seinen kinetischen Installationen bis zum 8. Mai 2022 eine viermonatige Einzelausstellung widmete. Ursprünglich war die Lichtinstallation im Januar zum fünften Geburtstag der Elbphilharmonie geplant, der zweite Satz des Klavierkonzerts von Thomas Adès stand im Zentrum des Jubiläumskonzerts am 11. Januar 2022. Doch in Anbetracht des damaligen Pandemiegeschehens schienen Menschenansammlungen – selbst draußen – zu riskant.

Fast zeitgleich mit „Breaking Waves“ am 28. April in Hamburg zeigte Studio Drift vom 20. April bis zum 1. Mai 2022 auf der Biennale in Venedig mit „Social Sacrifice“ seine erste Indoor-Luftdrohnen-Performance, bei der es um Schwarmintelligenz geht. Über den behelmten Köpfen der Besucher „schwamm“ in der Kirche San Lorenzo ein Fischschwarm aus Drohnen. Ihre schwebenden, tanzenden und sich bekämpfenden Bewegungen wurden durch Licht und Farbe akzentuiert. Jede Drohne hatte ihre eigene Lichtquelle, wobei die „Raubdrohnen“ in Rot und der Fischschwarm in Weiß dargestellt waren, und die Intensität dieser Lichter durch die Dichte der Gruppe beeinflusst wurde. Produziert wurde die Schwarm-Performance von den auf Drohnen-Lichtshows spezialisierten Firmen Skymagic und Drone Stories.

Umsetzung der Drohnenshow
Drone Stories, ein Schwesterunternehmen von Studio Drift, ist auch für „Breaking Waves“ verantwortlich. Das Team besteht aus rund zwölf Personen und greift je nach Projekt auf ein Netzwerk von Künstlern, Ingenieuren und Produktionsexperten zu. Für „Breaking Waves“ engagierte es das niedersächsische Unternehmen Nocturne Drone Shows, das nach eigenen Angaben nicht nur „ein international anerkanntes Luftfahrtunternehmen“ ist, sondern auch als erfahrene Produktionsfirma die gesamte Konzeption, Planung und Umsetzung von Events aus einer Hand anbietet.

Als Vorbereitung für die Lichtinstallation in Hamburg war das Team mehrmals vor Ort, um sicherzustellen, dass das Gebiet rund um das Gebäude für das Starten, Fliegen und Landen mit den Drohnen geeignet ist. Die Abstimmung mit der Elbphilharmonie erfolgte über Nils Stahl, stellvertretender Betriebsdirektor und Projektleiter für „Breaking Waves“ (siehe Interview Seite 16). Aufgrund der besonderen Lage des Konzerthauses war zudem eine enge Zusammenarbeit mit der Hafenbehörde, der Luftraumbehörde und der örtlichen Polizei erforderlich. Zum Einsatz kamen speziell für Drohnenshows gebaute Modelle, die laut Drone Stories ein „sehr helles Licht“ (über 900 Lumen) haben. Sie werden in den USA hergestellt und sind für den Einsatz im EU-Luftraum zugelassen. Inklusive Akku, der für ca. 15 Minuten Flugzeit reicht, wiegen diese Modelle rund 1,25 Kilogramm. Sie halten Windgeschwindigkeiten von bis zu 40 Stundenkilometern stand, vertragen aber keinerlei Niederschlag. Die Drohnen besitzen vier LEDs: rot, grün, blau und weiß, alle mit 255 Helligkeitsstufen.

Vor dem Start müssen alle Drohnen in einem exakten Raster mit etwa 1,5 Metern Abstand auf dem Boden platziert werden. Einige Tage vorher wurden Bodentests durchgeführt, um sicherzustellen, dass alle Drohnen flugbereit sind. Dann folgten Flugtests und Generalprobe. Die Flugwege der Drohnen sind alle programmiert, um einen Abstand von etwa 2 Metern einzuhalten und Kollisionen zu vermeiden, wobei eine Genauigkeit von 10 bis 20 Zentimetern besteht. Die 3D-Formen und Algorithmen, die die Bewegung und Beleuchtung der Drohnen steuern, wurden von Designern und Softwareingenieuren erstellt, wobei sie sich zunächst an den von Studio Drift entwickelten Konzept und Storyboards orientierten. Anschließend verfeinerten sie es noch mal in enger Zusammenarbeit mit den Künstlern und Sounddesignern.

Gesteuert werden die Drohnen von einem „Pilot in Command“ zentral von einer Basisstation aus. Normalerweise verwendet Drone Stories dabei spezialisierte Hard- und Software, um die Drohnenshow synchron zur Musik zu starten. In Hamburg mussten sie sich ausnahmsweise auf Funkgeräte verlassen, um den Countdown zur Drohnenshow und den Beginn der Musik zu kommunizieren. Im Unterschied zu „Breaking Waves“ kamen für die Indoor-Performance „Social Sacrifice“ sehr kleine und leichte Drohnen zum Einsatz. Da das bei Outdoor-Shows für die Positionierung eingesetzte GPS in Innenbereichen nicht verfügbar ist, wurde ein System mit über 20 Infrarot-Tracking-Kameras verwendet. Hinsichtlich Programmierung und Gestaltung sind Indoor- und Outdoor-Shows ähnlich, lediglich der verfügbare Platz setzt Grenzen. Mehr technische Einzelheiten zu „Breaking Waves“ (und „Social Sacrifice“) waren vom Drone-Stories-Team leider nicht in Erfahrung zu bringen. Die Begründung: „Wir sind immer sehr kooperativ, wenn es darum geht, technische Details zu teilen, aber da dies ein Kunstwerk ist, müssen wir etwas von der Magie bewahren und uns nicht zu sehr auf diese Details einlassen.“

Unerwartetes Ende
Ursprünglich sollte „Breaking Waves“ an vier aufeinanderfolgenden Abenden zu sehen sein. Doch am Tag nach der Premiere zog die niedersächsische Luftaufsicht die Erlaubnis für die Show zurück. Berichten nach sei die Kunstaktion bei der Generalprobe sowie bei der Premiere durch fremde Hochgeschwindigkeitsdrohnen massiv gestört worden. Es wäre zu mehreren Kollisionen und zu Abstürzen zahlreicher Drohnen gekommen. Es sei in Deutschland noch nie zuvor zu Störungen des Luftverkehrs in dieser Intensität und Aggressivität gekommen. Dies habe eine Neubewertung der Sicherheitslage erfordert. Da nicht auszuschließen sei, dass es wieder zu derartigen Straftaten durch anonyme Drohnenpiloten käme, sei zum Schutze der Zuschauer und Mitarbeitenden eine Fortführung von „Breaking Waves“ nicht verantwortbar. Die Verantwortlichen der Elbphilharmonie und die Künstler von Drift zeigten sich darüber „traurig und frustriert“, der Kultursenator der Hansestadt Hamburg, Carsten Brosda (SPD), bestürzt: Durch gezielte Störungen würden nicht nur Tausende daran gehindert, die Lichtshow „Breaking Waves“ zu erleben, so Brosda. „Dies ist offensichtlich auch ein Angriff auf die Freiheit der Kunst, den eine offene Gesellschaft nicht hinnehmen kann.“

Nach Informationen des NDR habe es Nocturne Drone Shows nicht rechtzeitig geschafft, sein Sicherheitskonzept an diese Vorfälle anzupassen. Denn die Folgen eines möglichen Drohnen-Angriffs seien bis dahin nicht Teil des Sicherheitskonzepts gewesen, teilten die Hamburger Behörden mit. Der Hamburger Hafen gilt wegen seiner vielen Funksignale von Schiffen als schwieriger Luftraum für Drohnen. Rund 800.000 Euro sollte Studio Drift für die Shows bekommen – davon organisierte der Freundeskreis Elbphilharmonie + Laeizhalle rund 500.000 Euro an Spenden, die Stadt steuert rund 300.000 Euro bei. Ob die gesamte Summe nun fällig wird, ist noch nicht geklärt. Unklar ist zudem, ob die Gefahr tatsächlich bestand und wie groß sie war. Nocturne Drone Shows hat jedenfalls Strafanzeige gestellt – zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses wurde noch ermittelt. 


BTR Sonderband 2022
Rubrik: Produktion / Technik, Seite 14
von Julia Röseler

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