Ein wunderbares Spielfeld

Die Satire „Der Meister und Margarita“, das wohl bekannteste Werk Michail Bulgakows (1891–1940), wurde von Bühnenbildnerin Natascha von Steiger am Deutschen Nationaltheater Weimar in einen fantastischen, gekippten Raum gesetzt – passend zur Geschichte, in der so manches aus den Fugen gerät. Die Illusion auf der Bühne ist perfekt: Optische Tricks verleihen dem Raum besondere Tiefe, zugleich ist er Projektionsfläche für flirrende Videobilder

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Das Teatro Olimpico im norditalienischen Vicenza ist Ende des 16. Jahrhunderts eröffnet worden und damit eines der ältesten Theatergebäude in Europa. Der berühmte Architekt des Theaters, Andrea Palladio, foppt das Publikum mit einer optischen Täuschung: Man schaut auf eine Renaissance-Stadt, und mit den Mitteln der Perspektivmalerei und durch einen ansteigenden Bühnenboden wird eine enorme Tiefenwirkung erzielt. Bei einer tatsächlichen Tiefe von nur 12 Metern wirkt das Bühnenbild mindestens zehnmal so tief.

Im Deutschen Nationaltheater Weimar wird die Erinnerung ans Teatro Olimpico beim Blick auf die Bühne von Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ in der Inszenierung von Luise Voigt wachgerufen: Denn hier hat Bühnenbildnerin Natascha von Steiger, fast ein halbes Jahrtausend später, mit den gleichen, uralten Theatermitteln gearbeitet. Allerdings mit einem Verfremdungseffekt, der die Realität surrealistisch kräuselt. Man blickt nämlich, wie unten in einem engen Hof stehend, an der Fassade eines Hauses empor in einen kleinen runden Himmelsausschnitt – nur dass der Blick dabei nicht nach oben geht, sondern eben nach hinten.

Ein „Faust“ in Moskau
Der graubewölkte Himmel als Freiheitsversprechen und Fluchtpunkt – das bringt Handlung und Atmosphäre des Bulgakow-Romans auf den Punkt, entstanden in den 1930er-Jahren, als Bulgakow selbst bereits mit einem Publikationsverbot für seine Prosa belegt worden war. Um das titelgebende Paar des Romans, den Meister und Margarita, zieht sich’s unheilvoll zusammen. Er ist ein Schriftsteller, den seine dunklen Vorahnungen bereits in die Psychiatrie befördert haben. Sie verlässt ihr wohlhabendes Umfeld, um mit ihm zusammen zu sein und ihn vor dem Untergang zu retten. Diese beiden Protagonisten sind in der Entstehung des Romans erst spät ins Bild getreten – zunächst arbeitete Bulgakow die anderen Figuren und ihre Geschichten aus – die diversen Dichter und Intellektuellen, die dieses Fantasie-Moskau mit ihren ästhetischen und politischen Debatten bevölkern, in dem außerdem der Satan in Gestalt eines elegant gekleideten Franzosen namens Voland umherstreift und in Begleitung eines riesigen Katers Verunsicherung stiftet. Eine weitere Handlungsebene des Romans beschäftigt sich mit der Verurteilung Jesu durch Pontius Pilatus und lässt die biblischen Gestalten als historische Figuren überlebendig werden – als Teil eines Romans, an dem der Meister arbeitet und irre geworden ist. Bulgakows Romanhandlung entstellt die Anfangszeit des Stalinismus bis zur Kenntlichkeit, und so ist es kein Wunder, dass „Der Meister und Margarita“ erst 1966/67, mehr als 25 Jahre nach Bulgakows Tod, erscheinen durfte, und auch dann nur in zensierter Form. Gleichwohl wurde der Roman dann sofort zum Hit und ist es heute noch, auch auf deutschsprachigen Bühnen, wo er – vielleicht auch wegen seiner Anlehnungen an Goethes „Faust“ – viel gespielt wird. Der Meister ist ein Faust’scher Zweifler, Voland ist Mephisto, und Margarita ist ein Gretchen, das seine Unschuld längst verloren hat, aber auch bei Bulgakow hat sie aufgrund der Entwicklung, die sie durchmacht, im Ensemble der Figuren das höchste Identifikationspotenzial.

Zum Himmel streben aus der Enge
In einer Schlüsselszene des Romans fliegt Margarita über Moskau und gewinnt dabei aus der Vogelperspektive auf die Verhältnisse Erkenntnis und Selbstbewusstsein. Im Programmheft bezeichnet Regisseurin Voigt diese Flugszene als „eine der tiefschürfendsten Emanzipationsszenen der Weltliteratur“. Das Bühnenbild trägt mit der gefängnisartigen Enge, die der enge Hinterhof und das ihn umgebende hohe Gebäude erzeugen, maßgeblich dazu bei, dass man als Zuschauerin mit Margarita gen Himmel strebt. Natascha von Steiger, die zum zweiten Mal mit Voigt zusammengearbeitet hat, beschäftigte sich in der Vorbereitung unter anderem mit dem Thema Zusammenleben auf engem Raum in Großstädten, erzählt sie im Zoom-Gespräch. Im Roman ist die Enge der sowjetischen Gemeinschafts-Wohnungen, den Kommunalkas, allgegenwärtig, fast die gesamte Handlung spielt sich in einer dieser Kommunalka ab, der tatsächlich existierenden Wohnung Nr. 50 in der Sadowaja 302b in Moskau, in der Bulgakow selbst von 1921 bis 1924 ein Zimmer bewohnte und die nach Erscheinen des Romans zu Pilgerstätte seiner Fans wurde. Als Basis für das Bühnenbild diente von Steiger das Foto eines Berliner Innenhofs, in dem sie sich eines Tages auf der Suche nach Bildmaterial durch die Stadt spazierend wiederfand. Inspiriert habe sie vor allem die achteckige Form des Hofs und das „eigenartige Rot“ des Gebäudes, erzählt sie – moderne Architektur, die als gemaltes Bühnenbild historisch wirkt, als sei sie Sowjetzeiten entsprungen. Das Rot hat von Steiger entsättigt, damit das Bühnenbild auch als Projektionsfläche für die Videos von Stefan Bischoff funktioniert.

Videobilder als eigene Erzählebene und klassischer Theaterzauber
„Es war von Anfang klar, dass Videoprojektionen ein wichtiger Bestandteil der Inszenierung sind“, sagt von Steiger. Und sie suche in solchen Fällen immer nach Lösungen, die Projektionsflächen in das Bühnenbild zu integrieren. Stefan Bischoff wiederum hat seine Videos auf das Bühnenbild abgestimmt, nutzt die Wände des Hauses als Auftrittsflächen für zusätzliche Figuren, die nur per Video auftreten, lässt Vogelschwärme durch das Himmelsrund fliegen und den Innenhof zu einer ganzen Stadt mutieren, wenn die ganze Fläche des Bühnenbilds überflimmert wird von Bildern von Häusern und Straßen. Außerdem, erzählt von Steiger, bietet so eine Zusammenarbeit von Bühnenbild- und Video-Kunst neue lichttechnische Möglichkeiten – beispielsweise wurde in einer Szene für die Illumination der Fenster, die einzeln schwierig zu beleuchten gewesen wären, der Videobeamer als Lichtquelle verwendet.

Abgesehen von solchen Tricks ist das Bühnenbild einfach konstruiert – vier rampenparallele mit Perspektivmalerei belegte Wände, die vordersten zwei leicht schräg gestellt, um den Fluchtpunkt zu betonen. Die Bühnenfläche ist nur bis knapp zur Hälfte belegt – kaum zu glauben, wenn man von vorne draufblickt. Eigentlich, so erzählt von Steiger, sollte fast der ganze Bau am Stückende auseinandergezogen und -gefahren werden, aber von dieser Idee hatte sich das Regieteam doch wieder verabschiedet, weil sich die Tiefenwirkung dadurch aufgelöst hätte. Für diese Verwandlungs-Idee wurden aufwendige Wagenkonstruktionen gebaut, die letztendlich nicht mehr notwendig waren, aber immerhin den Auf- und Abbau des Bühnenbilds einfacher machen. „Wir waren mit der Modellvorstellung bereits begeistert von der Idee“, erzählt der Konstrukteur, und stellvertretende Leiter der Dekorationswerkstätten des DNT Weimar, André Zempel. Schnell haben sich die Finanzierbarkeit und der Zeitaufwand im Malsaal als größte Hürde herausgestellt. Bei der Bauprobe hatte von Steiger auch darüber nachgedacht, das gesamte Motiv drucken zu lassen, „aber das Feuer in den Augen der Malsaalchefin“ habe sie dazu bewogen, die Fassade doch malen zu lassen. „Ich bin großer Fan von gekonnter Theatermalerei“, sagt von Steiger. „Der Vorteil ist: Man kann anders mit Licht arbeiten.“ Durch Malerei bekämen die zu beleuchtenden Oberflächen eine Tiefe, die sie nicht hätten, wenn sie bedruckt wären. Leider gehe vielerorts das Handwerk verloren, weil Videoprojektionen gemalte Bilder ersetzen. „Oft werden im Malsaal nur noch Flächen angestrichen.“

Ein Kompliment vom Publikum für die Malerei
Die Zusammenarbeit mit Malsaalchefin Karoline Freitag – die sie vorher nicht kannte, weil sie zum ersten Mal in Weimar gearbeitet hat – war für von Steiger ein voller Erfolg. Auch Freitag ist stolz aufs Ergebnis: „Oft wurde im Publikum gerätselt, ob Druck oder Malerei. Das ist vom Laien ein schönes Kompliment.“ Die Herausforderungen der Produktion seien „die Genauigkeit der architektonischen Umsetzung der Vorlage mit dem späteren Zusammenspiel der Projektion sowie allgemein der Umfang an Malerei für den relativ kleinen Malsaal, die damit einhergehende Koordination und ein knapp kalkulierter Fertigungszeitraum“ gewesen. Die 26 Module wurden von drei Theatermalerinnen in 30 Tagen grundiert, konstruiert und gemalt.

Maximal eine der vier Ebenen konnte komplett im Malsaal ausgelegt werden, um das Gesamtbild zu prüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. „Es war ein gewisses Pokerspiel bis zum ersten Bühnenaufbau“, sagt Karoline Freitag. „Wenn ich weiß, dass ein Theater einen besonders tollen Malsaal hat, spielt das bei mir unter anderem im Entwurf mit“, sagt von Steiger, die nicht nur als freie Bühnenbildnerin arbeitet, sondern auch Ausstattungsleiterin am Maxim Gorki Theater Berlin und am Staatstheater Stuttgart war, also viel Erfahrung in der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit Werkstätten hat. „Klar habe ich meinen Stil, aber meine Bühnenbilder sind relativ unterschiedlich“, und das habe eben auch etwas mit denen zu tun, die sie umsetzen.

Der Himmel verschluckt alle
Nicht nur mit der Videoebene harmoniert das Bühnenbild perfekt – es ist auch ein wunderbares Spielfeld für das sauber aufeinander eingetaktete Ensemble, das in Voigts konziser Stückfassung des Romans knapp zwei Stunden lang die Sau rauslässt, aus auf dem Boden aufklappenden Fenstern auf- und mit gewagten Luftsprüngen seitlich abtritt. Überdimensionale Plüsch-Requisiten wie eine riesige Spritze in den Psychiatrie-Szenen tragen zum surrealistischen Touch der Inszenierung bei. Wie auch die dem japanischen Butoh-Tanz entlehnte Choreografie, die besonders Dascha Trautwein als Margarita perfektioniert. Wenn sie am Ende alle zusammen so lange auf den Boden stampfen, bis der Himmel sie schließlich verschluckt, hat auch der letzte Zuschauer sich mit dem Meister und Margarita dem Teufel und seiner eigenen, verqueren Anti-Logik verschrieben. Sie scheint der einzige Ausweg aus der Hölle auf Erden, die der Roman beschreibt und die eben trotz der fantastisch anmutenden Erzählweise eine historisch akkurate Realitätsbeschreibung war. Zu Recht wird Luise Voigts Inszenierung in Weimar vom Publikum gefeiert und wurde beim „nachtkritik“-Theatertreffen ausgezeichnet und zum diesjährigen Radikaljung-Festival nach München ins Volkstheater (siehe Seite 34) eingeladen. 

Sophie Diesselhorst hat als freie Autorin u. a. für „taz“, „Berliner Zeitung“ und rbb Inforadio gearbeitet. Seit 2011 ist sie als Redakteurin beim Online-Theatermagazin „nachtkritik“ tätig.

„Der Meister und Margarita“
Regie: Luise Voigt 
Bühnenbild: Natascha von Steiger 
Kostüme: Maria Strauch
Videos: Stefan Bischoff
Musik: Frederik Werth
Choreografie: Tony De Maeyer
Dramaturgie: Eva Bormann


BTR 3 2023
Rubrik: Foyer, Seite 4
von Sophie Diesselhorst

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